Interviews:

Paul Böhmer

Lyriker und Leiter des Hessischen Literaturbüros

"Schreiben ist Arbeit, Arbeit und nochmals Arbeit"

Paulus Böhmer hat mehrere Lyrikbände veröffentlicht. Er begann mit 15 Jahren zu schreiben und begann, bei der Eremitenpresse von VO Stomps zu veröffentlichen. Dann probierte er mehrere Berufe aus - unter anderen war er in der Werbung und arbeitete als Lektor. 1985 bot man ihm an, ein Literaturbüro zu gründen. Daraus wurde das Hessische Literaturbüro im Mousonturm (Frankfurt), das er bis heute leitet. 

Wie ist damals das Hessische Literaturbüro entstanden?

Das Ministerium für Wissenschaft für Kunst und der Verband deutscher Schriftsteller haben die Gründung angeregt. Es wußte niemand so recht, was daraus werden sollte, und ich dachte mir: Es wird das, was du daraus machst. Es gab nur ein Literaturbüro in Düsseldorf. Die in Nordrhein-Westfalen und dieses, wir haben uns ziemlich verschieden entwickelt. Die anderen haben doch sehr stark einen regionalen und lokalen Bezug. Das haben wir nicht. Wir haben von Anfang an ein Literaturprogramm gemacht, das war auch sehr gut, denn so haben wir relativ schnell ein Profil gewonnen. Wir konnten ganz und gar selbständig arbeiten. Wir haben vier Säulen unserer Arbeit, Lesungen, Seminare, Manuskriptservice und geben außerdem eine bundesweite Literaturzeitschrift heraus. Fürs Land betreuen wir auch diesen Jugendwettbewerb, das junge Literaturforum Hessen. Wir verstehen uns für eine Institution von Schriftstellern für Schriftsteller. Es gibt eine feste Stelle und freie Mitarbeiter auf Honorarbasis, die sind alles Autoren.

Wie funktioniert Ihr Manuskriptservice?

Wir sind keine Agentur, wir vermitteln und vermarkten nichts, wir beschäftigen uns zwar mit jungen Autoren, Anfängern und Dilettanten, dieselbe Zusammensetzung, die alle Lektoren und Redaktionen auch bekommen. 200-250 Manuskripte im Jahr treffen ein, mehr wäre auch nicht zu bewältigen. Ich habe einen Kreis von zwischen drei und sechs Frankfurter Schriftstellern, die als Außenlektoren agieren und das schriftlich machen. Es waren zum Beispiel Albert Herbst und Henning Boetius, es wechselt. Wir bezahlen den Schriftstellern pro Manuskript 250 Mark. Wenn die Leute nach der schriftlichen Stellungnahme vorbeikommen wollen, machen wir ein Gespräch. Lektorat ist es auf keinen Fall, sondern eher Tips, Kritik, Ratschläge auf drei bis vier Seiten. In der ersten Zeit war es vorallem Lyrik, die eingeschicht wurde, mindestens 60 %, das hat sich aber verschoben, jetzt sind es 60 % Prosa.

Wie ist die Qualität der Manuskripte so?

Es kommen vielleicht 5 % interessante Texte. Das gibt es auch, daß Leute was Interessantes schicken, da kann man sofort sagen, wende dich an den und den Verlag, das könnte klappen. Lektoren entdeckten gerne selbst, und es ist besser, wenn man den gelegentlich sagt: Hör mal, ich hab hier was, hast du Interesse, dann schicke ich dir das zu. Es kommt nicht so oft vor, weil es einfach auch nicht so viele gute Manuskripte bei uns gibt. Der größte Teil ist qualitativ noch nicht soweit, obwohl man da Überraschungen erlebt. Wir haben seit Jahren Leute, die regelmäßig Manuskripte schicken, und man kann zuweilen beobachten, wie sich das weiterentwickelt, einfach weil die Leute arbeiten. Viele Dilettanten meinen, das Schreiben sei ein Zustand des besonderes Rausches oder Zustand besonderer Weihe, aber es ist einfach Arbeit, Arbeit und nochmal Arbeit.

Was für Seminare bieten Sie an?

Wie bieten drei jeweils einwöchige Seminare an, unter dem Motto "Schule des Schreibens". Es fängt abends um 19 Uhr an, dann wird jeden Abend gearbeitet und Freitag endet das ganze mit der Lesung des Referenten.
Es wird auch in Zeitungen ausgeschrieben. Die Resonanz ist verschieden. Wir wählen die Teilnehmer aus, es sollen Leute sein, die sich mit Schreiben ernsthaft beschäftigen, kein VHS-Niveau. Dabei versucht man zu sehen, ist der Mann oder die Frau ein völliger Dilettant oder ist er oder sie literarisch interessiert. In den Seminaren ist das Niveau oftrecht gut, es sind relativ erfahrene Leute dabei. Wenn sich jemand überfordert fühlt, wird er beleidigt oder trotzig reagieren, oder sich zurückziehen, je nach Temperament. Beides ist nicht immer so glücklich, daher muß man immer darauf achten, daß es nicht so unterschiedlich ist. Die Teilnehmer lesen sich die Texte gegenseitig vor, und es wird wirklich gearbeitet.

Was halten Sie von Fernstudiengängen zum Kreativen Schreiben?

Ein Freund von mir hat sich mal da eingetragen und auch bezahlt, um zu sehen, wie sowas läuft. Es ist eigentlich Humbug, um es mal vornehm auszudrücken.
Ist es für Autoren sinnvoll, sich einer Autorengruppe anzuschließen?
Ich beobachte, daß das Feedback, das gegenseitige Austauschen, die Tendenz, Gruppen zu bilden, in den letzten Jahren zunimmt. Gerade bei Anfängern und bei unbekannten Schriftstellern. Wenn ich das weiß und höre, weise ich die Leute schon auf solche Gruppen hin, zum Beispiel auf die im Club Voltaire oder in der Romanfabrik.

Was für Tips würden Sie einem Autor für die Verlagssuche geben?

Wenn du einen Verlag finden willst, mußt du dich in den Literaturbetrieb hineinbegeben. Es wird niemals klappen, daß ein völlig Unbekannter von einem Verlag angenommen wird, es sei denn, es ist wirklich ein großartiger Text. Das passiert ganz selten. Man kann reinkommen durch das Beteiligen in Zeitschriften und durch das Reinschnuppern in den Betrieb, und wo findet man diesen Betrieb als bei durch Literaturveranstaltungen. Man bekommt mit, wie für ein Buch geworben wird, wie der Autor vorträgt, man kriegt den Autor selber auch mit, und wenn man ein bißchen Initiative hat, kommt man ins Gespräch mit Veranstaltern, Publikum, Autor. Es sind alles so viele kleine Dinge, die zusammenkommen.

Gibt das Literaturbüro Tips zum Vertrag oder Honorar?

Ich würde jedem raten, wenn der Vertrag vorliegt und Sie haben irgendwelche Schwierigkeiten oder Unsicherheiten, herzukommen oder anzurufen, wir wissen schon, auf welche Punkte man achten muß. Man sollte auf das Honorar und die Nebenrechte achten. Gut sind 50:50 und 60:40. Je erfolgreicher sie sind, desto mehr können sie ihre Bedingungen diktieren.

Was ärgert Sie an unerfahrenen Autoren?

Es gibt Leute, die waren noch nie in einer Buchhandlung, geschweige denn in einer Bibliothek und haben keine Ahnung vom Funktionieren einer Zeitschrift haben oder eines Verlages oder wer zeitgenössische Autoren sind. Ich habe festgestellt, wenn Manuskript-Kopien per Einschreiben zugeschickt werden, dann weiß ich, daß das ein absoluter Dilettant ist, der keine Ahnung hat. Ich erkläre das so: Die Leute bewerten ihr Werk so über, dass sie eine schlichte Kopie per Einschreiben schicken, sie können das gar nicht richtig einschätzen. Wenn man ihnen erzählt, daß das eine Menge Arbeit ist, immer wieder Arbeiten, Disziplin, das verstehen die nicht. Daß man lesen muß. Ein Text wird ja nicht beziehungslos in die Welt gesetzt, sondern Literatur hat eine lange Tradition, es gibt Vorbilder oder literarische Vorfahren.

Ist es denn gut oder schlecht, wenn man sich an solchen Vorbildern orientiert?

Die, die sich an literarischen Vorbildern orientieren, sind gar nicht mal die uninteressantesten Leute. So eine Zeitlang war es so ein bißchen Bukowski, ja, gut, er hat äußerst eindrucksvolle Gedichte geschrieben. Das finde ich ja ganz gut. Als ich mit 15-16 Jahren angefangen habe zu schreiben, habe ich "gebennt", à la Gottfried Benn geschrieben. Oder wenn sich jemand Kafka als Vorbild nimmt, von so einem Autor kann er ja nur lernen.

Findet bei Lyrik eigentlich ein Lektorat statt, wenn sie veröffentlicht wird?

Nein, bei Lyrik ist es kaum üblich, daß da redigiert wird. Das ist ein bißchen eine Schwachstelle. Man merkt oft Büchern an, daß sie nicht gut lektoriert worden sind. Und es spricht sich auch rum, wenn ein Lektor besonders gut ist. Aber heute ist es ja meist so, daß ein Lektor so viele Autoren betreut, auch so verschiedenartige, daß ich mich überhaupt frage, wie das geht. Ich kenne viele Kollegen, da wird da gar nichts verändert. Lektorat bedeutet ja grundsätzliches Durchdenken, das Bewußtmachen und Durcharbeiten, das ist eigentlich kaum möglich, das passiert selten.
Jede Verbesserung, und sei es nur ein einziges Komma, kann einem Text eigentlich nur helfen. Auch wenn der Autor nicht einverstanden ist, es lohnt sich immer, darauf einzugehen und das zu reflektieren. Viele gute Texte sind so vielschichtig, daß der Autor manchmal erst durch den Hinweis aus dem Lektorat auf etwas kommt, was ihm vorher gar nicht bewußt war. Ein guter Text weiß oft mehr als der Autor. Wenn der Autor sich über alles bewußt wäre, was er macht, wenn er einen Text schreibt, könnte er gar nicht mehr schreiben. Das ist der mit einer Ratio nicht mehr erklärbare Teil einer Begabung. Also nicht sperren gegen Hinweise!

Gibt es Kriterien für gute Lyrik?

Lyrik ist ein besonders schwieriges und komplexes Gebiet, und ich finde, es ist vielleicht einfacher Prosa zu schreiben. Als Anfänger meint man vielleicht, die eigenen Gefühle sind das, was die anderen zu interessieren haben. Das ist Quatsch. Wieso sollte ich mich für die Gefühle eines anderen interessieren, seine Trauer, seinen Liebesschmerz, seine Todesangst, seine Langeweile - warum? Die kapieren nicht, daß es die Form ist, nur die Form. Ich finde es schwierig, als Anfänger gute Lyrik zu schreiben.

Empfehlen Sie unbekannten Autoren, sich an einem Literaturpreis zu beteiligen?

In jedem Fall. Auch wenn sich jemand zehnmal an so einem Preis beteiligt hat und keinen gewonnen hat, soviel Kraft sollte er aufbringen, das zu verdauen. Außerdem wird sein Name dadurch auf irgendeine Weise bekannt, wenn es nicht ganz schlecht ist. Auch wenn jemand sehr gut ist, ist das keine Garantie, daß er einen Preis gewinnt, überhaupt nicht. Es ist so, wenn jemand mal ein- oder zweimal einen Preis gewonnen hat und etabliert ist, dann kriegt er weitere, dann zieht das immer nach, es sind immer wieder die gleichen Namen, bei den großen Preisen ist es ein gegenseitiges Zuschanzen.

Was halten Sie von Druckkostenzuschußverlagen?

Der Hauptgrund für diese Industrie ist die Befriedigung der Autoreneitelkeit, was nicht unbedingt etwas ganz falsches ist. Ein Bild, das fertig gemalt ist, ist fertig, man kann es irgendwo hinhängen, man kann es verkaufen, es ist jedenfalls fertig. Aber ein Manuskript, das in der Schublade liegt, muß in irgendeiner Form zum Buch geworden sein. Es ist nicht falsch, das in 200er Auflage selbst drucken zu lassen. Aber bei einem Zuschußverlag zahlt man ein ungeheueres Geld und hat wenig davon. Da zahlt jemand 15.000, 20.000 Mark für ein Buch, das überhaupt nicht vertrieben wird und auch nicht im Buchhandel steht. Es ist zwar erhältlich, aber es gibt keine Vertreter, keinen Vertrieb, nichts. Unsäglich. Da kommen schon zuweilen Beschwerden, und wenn es geht, warne ich die Leute auch davor. Die veröffentlichen alles.

Was halten Sie von Literaturagenten?

Ich möchte da nicht gerne soviel plaudern, aber ich kenne haarsträubende Fälle, bei denen der Autor für Lektorat nochmal zahlen muß, ohne Garantie, daß sein Text veröffentlicht wird, mit sehr, sehr hohen Gewinnmargen für die Agentur. Normal ist, daß ein Agent ein Manuskript annimmt und dann verkauft, zu möglichst guten Bedingungen, aber da bezahlt nicht der Autor von vornherein. Wenn man vorher etwas bezahlen soll, ist es anrüchig, dann geht es eigentlich um Ausbeutung, da geht es nicht um Literatur sondern nur um den Geldbeutel.

Herr Böhmer, danke für das Interview!

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