 |
| Leseprobe: |
 |
Geschichtenerfinder-Werkstatt |
 |
| |
 |
Mit Kindern freies Erzählen üben |
 |


 |
 |
Auszug
aus dem Abschnitt "Zum Mitmachen motivieren"
Bei
Erzählbesuchen, vor allem in den Kinderkrankenhäusern,
habe ich meinen Geschichtenbaukasten immer dabei. Manchmal sind die
Kinder schon vorbereitet, die Heilpädagogin hat ihnen von mir und
meinem Tun erzählt, vielleicht schon eine im Krankenhaus
entstandene Geschichte gezeigt. Im Newsletter einer Elternvereinigung
sind ein paar Geschichten gedruckt worden. Oft aber heißt es
einfach: „Der X oder dem Y geht es heute gar nicht gut, Helga,
schau halt mal, was du machen kannst.“
So war es auch bei
Alessia. Ein Mädchen, acht Jahre alt, lag matt im Bett. Aber die
Augen schauten neugierig aus einem blassen Gesicht. Ich stellte mich
vor, erzählte, was ich tue und wer ich bin,
Geschichtenerzählen und Geschichtenbaumeisterin. Also, eine
Geschichte erzählt bekommen? Nicken. Nach der üblichen Frage,
ein Märchen, eine Fantsiegeschichte oder eine autobiografische
Geschichte? erzählte ich zuerst eine autobiografische Geschichte.
Kurze Unterhaltung über die damalige Zeit, dann meine Frage:
„Soll ich dir noch eine Geschichte erzählen, die ein Kind
erfunden hat?“ Wieder Nicken. Jetzt erzählte ich die
Geschichte vom Blumenmädchen. Anschließend unterhielten wir
uns über Blumen, Garten und Pflanzen. „Wer hat die
Geschichte erfunden?“ fragte Alessia, sie wollte mehr über
die Autorin erfahren und fügte hinzu, sie wohne auch in einem Haus
mit Garten.
Auf meine Frage, ob sie denn nun auch versuchen
wollte, mit mir zusammen eine Geschichte zu erfinden, noch
Ausflüchte: „Ich kann das nicht!“ So, wie sie es sagte, klang es aber für mich nicht überzeugend. Also wollte ich es weiter versuchen. Doch wie? Auf
dem Tisch stand eine Schale voller duftender Erdbeeren.
Sogleich dachte ich daran, dass es in meinem Geschichtenbaukasten
ein Kärtchen mit der Ortsbezeichnung „Erdbeerinsel“
gab - wenn ich das Gespräch auf Erdbeeren
brachte, konnte ich vielleicht eine Überleitung finden. Ich
fragte, ob Alessia gerne Erbeeren aß. Ja, sagte sie und wir
sprachen über Farbe, Form, Geschmack und Duft der Erdbeeren.
Ganz von selbst redeten wir über Erdbeerkuchen, Muttertag und
Kinderfeste im Garten.
Während des Gesprächs legte ich
schon, so ganz nebenbei, einen Geschichtenplan zurecht, öffnete
meinen Geschichtenbaukasten und suchte nach dem Kärtchen
„Erdbeerinsel“. Alessias Augen folgten allen
Bewegungen meiner Hände. Und dann fragte ich sie, ob wir eine Erbeergeschichte machen wollten. „Wir können es ja probieren“, sagte Alessia. „Bist
du einverstanden, wenn wir unsere Geschichte auf einer Erdbeerinsel
beginnen lassen?“ fragte ich. Zustimmung. Nun
erklärte ich die Funktion des Geschichtenbaukastens, gab Alessia
den Streifen mit den Doppelklebestückchen in die Hand, rückte
den Nachttisch für mich zum Schreiben zurecht und legte den
Geschichtenplan Alessia auf die Bettdecke. Also: „Es war
einmal eine Erdbeerinsel…..,“ Alessia klebte das
grüne Kärtchen „Erdbeerinsel“ auf den Plan. „Was
sah, hörte, roch und fühlte man dort?“ Ich
notierte, zwischen grünen Bäumen wuchsen viele
Erdbeeren, es duftete, man hörte einen Bach rauschen und
Vögel zwitschern. „Wer war auf der Insel, wer soll der Held, die Hauptfigur unserer Geschichte sein?“ Alessia
ließ sich drei Optionen aus meinem Geschichtenbaukasten vorlesen,
entschied dann aber, Lotta und Lara, beide acht Jahre alt, sollten
unsere Geschichte erleben. Also beschriftete ich ein leeres rotes
Kärtchen mit „Lotta und Lara“, Alessia klebte es auf
den Plan. Lotta und Lara wollten zum Muttertag gemischten Obstkuchen
backen und beschlossen deshalb, auf einer anderen Insel auch noch
andere Früchte zu besorgen. Als sie sich für ihre Reise
ausrüsten wollten, kamen sie zu einem absonderlichen Strandkiosk,
der ganz von Spinnweben verhangen war. Sie fanden dort ein Paket mit
Stillstehschokolade und einen fliegenden Teppich. Den Fuchs, der sie
nicht fliegen lassen wollte, besiegten sie mit der Stillstehschokolade
und flogen los. Nach kurzer Zwischenlandung auf dem Schokoladenstern
dann die Landung auf der Pfirsichinsel. Zum Muttertag gab es Erdbeer-Pfirsich– Schokoladenkuchen.
Die
Geschichte sollte „Die Fruchtreise“ heißen, wir
erzählten sie mit Hilfe des Plans im Zusammenhang. Alessia
war jetzt froh mitgemacht zu haben, sie freute sich über ihre
„eigene Geschichte“ und wollte sie ihrer Mutter
erzählen und zum Muttertag schenken.
|
|