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Aus dem Kapitel "Das
Trauma des Bürgerkriegs" (1850-1870)
Wenn das
Gewissen spricht
Im Norden wächst das Unbehagen über die Sklaverei, und
der Widerstand dagegen. Zu Anfang hält sich die große
Mehrzahl der Menschen zurück, will sich nicht einmischen. Es
sind vor allem Einzelne, die sich gegen die Sklaverei aussprechen.
Aber auch religiöse Gruppen engagieren sich, allen voran die
Quäker, zu deren Religion es gehört, ihrem Gewissen zu
folgen. Sie und andere Gegner der Sklaverei helfen entflohenen Sklaven,
in den Norden zu entkommen. Dafür haben sie gemeinsam die "Unterground
Railroad" aufgebaut, ein Netzwerk von Unterstützern, das
Schwarze in den Norden schleust. Unter Lebensgefahr für Helfer
und Flüchtlinge bringen sie so Tausende von Menschen in Sicherheit.
Anfangs reicht es, sie in die Nordstaaten zu bringen. Doch 1850
drücken die Südstaaten den Fugitive Slave Act durch, ein
Gesetz, das die Menschen im Norden verpflichtet, Sklavenjäger
zu unterstützen und geflohene Sklaven auszuliefern. Tun sie
das nicht, werden sie schwer bestraft. Nun müssen sich die
Schwarzen, die die Flucht wagen, sogar bis nach Kanada durchschlagen;
einzelne retten sich mit der Unterstützung weißer Helfer
nach England. Einen Gefallen tun sich die Rassisten mit diesem Gesetz
nicht, im Gegenteil, es schürt den Unmut gegen die Sklaverei.
Viele Bürger im Norden denken gar nicht daran, es zu befolgen
und sich auf diese Art an der Versklavung von Menschen mitschuldig
zu machen. Wenn Sklavenjäger versuchen, im Norden Schwarze
gefangen zu nehmen, kommen dem Opfer nicht selten so viele Menschen
zu Hilfe, dass der Jäger aufgeben muss.
Von 1830 an
wird der Kampf gegen die Sklaverei in Amerika allmählich zu
einer Bewegung. Sie fordern die Abschaffung - auf Englisch "abolition"
- der menschenverachtenden Leibeigenschaft und werden deswegen "Abolitionists"
genannt. Einfache Menschen und Gebildete, feine Damen, die sich
für die Wohltätigkeit engagieren, Sozialreformer und Politiker
mit Gewissen - in dieser Bewegung finden sich viele zusammen. Es
entsteht sogar eine neue, einflussreiche Partei, die sich gegen
die Sklaverei ausspricht: die Republikaner.
Die Sklavenfrage
spaltet die Parteien, die Kirchen, das ganze Land. Für die
Südstaatler sind die Abolitionists, die mit dem Eifer von Propheten
für ihre Sache werben und die Sklaverei unermüdlich verteufeln,
gefährliche Fanatiker. Zwischenfälle wie der von Harper's
Ferry in West Virginia bestärken sie in ihrer Meinung: Dort
hat John Brown, ein fanatischer Abolitionist, im religiösen
Wahn 1859 ein Bundesarsenal in seine Gewalt gebracht, um die Sklaven
zur Rebellion zu ermutigen. Er scheitert und wird von wütenden
Bürgern der Gegend gehängt. Für die Gegner der Sklaverei
wird er damit zum Märtyrer.
Aber auch vielen
Nordstaatlern sind die glühenden Reformer nicht ganz geheuer,
denn es ist nicht allgemein bekannt, welche Verhältnisse im
Süden herrschen und unter welchen Bedingungen die Schwarzen
dort leben und arbeiten müssen. Das ändert sich, als Harriet
Beecher-Stowe 1852 den Roman Onkel Toms Hütte veröffentlicht.
Er erzählt die traurigen Schicksale der Sklaven Eliza, George
und Onkel Tom und macht dadurch einige wichtige Dinge deutlich:
Dass Schwarze keine Tiere, sondern ganz normale Menschen sind, die
Gefühle haben wie Weiße auch. Und dass das System der
Sklaverei unglaublich grausam ist.
Der Roman wird
zu einem Bestseller. Wer ihn gelesen hat, kann die Augen nicht mehr
vor dem Unrecht der Sklaverei verschließen. Onkel Toms Hütte
löst Mitleid und Empörung aus, entfesselt einen Sturm
der Sympathie für die Sklaven und beeinflusst die öffentliche
Meinung wie kaum ein anderes Buch in der Geschichte.
"Abe"
for President!
In dieser aufgeheizten Stimmung findet 1860 der Präsidentschaftswahlkampf
statt. Die beiden Kandidaten sind ein erfahrener Politiker, der
dickliche, verlebte Stephen A. Douglas (1813-1861), und Abraham
Lincoln, ein fast unbekannter Provinzanwalt aus dem Westen. Douglas
führt die Demokraten an, die damals noch stark von Südstaatlern
mit rassistischen Einstellungen beherrscht werden. Lincoln ist ein
hochgewachsener, schlaksiger Mann, der gerade mal eine einzige Amtszeit
als Abgeordneter in Washington hinter sich hat. Man sieht ihm an,
dass er auf Äußerlichkeiten keinen Wert legt: Seine Kleider
- gewöhnlich ein schwarzer Anzug und ein seidener Zylinderhut,
in dem er Briefe und Notizen aufbewahrt - sind meistens verknittert.
Lincoln wird
1809 in einer Blockhütte in Kentucky geboren und arbeitet als
Schiffer, Holzfäller, Postmeister und Landvermesser. Gerade
mal ein Jahr verbringt er in der Schule. Was er weiß, hat
er sich zum großen Teil selbst beigebracht: Als Junge hat
er ständig die Nase in irgendeinem Buch. Als junger Mann lernt
er einen Friedensrichter kennen und mausert sich unter dessen Anleitung
zum Juristen. Lincoln erzählt oft witzige Geschichten, versinkt
aber auch immer wieder in tiefe Melancholie. Frauen gegenüber
ist er lange Zeit scheu, doch dann verliebt er sich in die spontane,
temperamentvolle und ehrgeizige Mary und schafft es nach einigen
Turbulenzen, sie zu heiraten. Die beiden haben vier Kinder, von
denen jedoch zwei sterben, bevor sie erwachsen werden.
In seiner Heimat,
dem Staat Illinois, ist "Abe", wie die Leute ihn liebevoll
nennen, beliebt für seine Ehrlichkeit und sein warmes Herz.
Das ganze Land wird auf Lincoln aufmerksam, als er sich für
einen Sitz im Senat bewirbt, durchs Land zieht und öffentlich
mit seinem Rivalen debattiert. Lincoln wird zwar nicht in den Senat
gewählt, hat aber viele Menschen durch seine brillanten Reden
und seinen scharfen Verstand beeindruckt. Immer öfter kommt
sein Name auch für die Präsidentschaft ins Gespräch.
Für Lincoln
ist die Sklaverei ein Übel, dessen Ausbreitung er verhindern
will. Aber sein Hauptanliegen ist das Überleben der Union.
"Ein in sich uneiniges Haus kann nicht bestehen. Ich glaube,
diese Regierung kann nicht fortbestehen, wenn sie dauernd halb für
die Sklaverei, halb gegen die Sklaverei ist", betont Lincoln
immer wieder. Für die Südstaaten ist klar: Einen solchen
Mann werden sie auf gar keinen Fall als Präsidenten akzeptieren.
Lieber sprengen sie die Vereinigten Staaten!
Weil sich die
Demokraten inzwischen über die Frage der Sklaverei gespalten
haben, gewinnt Lincoln die Präsidentschaftswahl mit knappem
Vorsprung. Am einem kalten windigen Tag im März 1860 legt er
in Washington unter scharfen Sicherheitsvorkehrungen den Amtseid
ab. South Carolina reagiert sofort und tritt aus der Union aus.
Im Laufe der kommenden Wochen folgen sechs weitere Staaten dem Beispiel.
Gemeinsam gründen sie die Konföderierten Staaten mit einer
eigenen Hauptstadt in Richmond im Bundesstaat Virginia. Als Flagge
wählen sie ein blaues Kreuz mit weißen Sternen auf rotem
Grund - die berühmte Dixie-Fahne, die man heute noch gelegentlich
im Süden sehen kann. Präsident der Konföderation
wird der ehemalige Offizier und Kriegsminister Jefferson Davis (1808-1889),
ein reicher Pflanzer und erfahrener Politiker, der für seine
Sturheit und seine Wutausbrüche bekannt ist. Im ganzen Süden
werden Truppen mobilisiert. Der Krieg rückt immer näher.
Lincoln ist
für den Frieden. Aber er denkt nicht daran, diese Abspaltung
(auf Englisch "secession", weshalb der Bürgerkrieg
oft auch Sezessionskrieg genannt wird), zu dulden. Da die Rebellen
trotz eindringlicher Appelle nicht zum Einlenken bereit sind, ist
ihm klar, dass die Regierung in Washington durchgreifen muss.
Ein blutiger Auftakt
April
1861. In Charleston, der Hauptstadt South Carolinas, spitzt sich
die Situation zu. Im Hafen befindet sich der Flottenstützpunkt
Fort Sumter, der loyal zur Union hält. Seine Vorräte sind
fast erschöpft, und da das Fort von Feinden umgeben ist, kann
es keinen Nachschub erhalten. Die Rebellen fordern den Kommandanten
auf, sich zu ergeben - als dieser sich weigert, greifen sie an und
erobern die Festung. Der Krieg hat begonnen.
Was besonders
kritisch ist: Washington D.C. ist von Sklavenstaaten umgeben und
in direkter Reichweite der Rebellen. Wenn Lincoln aus dem Fenster
schaut, kann er die Lagerfeuer der konföderierten Soldaten
in Nordvirginia sehen. Eilig fordert die Regierung Freiwilligentruppen
zum Schutz der Hauptstadt an. Bange Tage vergehen, bis sie endlich
eintreffen. Hastig werden Geschütze, Musketen und Munition
ins Kapitol geschafft und die Eingänge mit Sandsäcken
und Metallplatten verbarrikadiert.
Trotz der kritischen
Situation ist Lincoln zuversichtlich. Er und die meisten Bürger
der Nordstaaten glauben, dass eine harte Reaktion die Rebellion
schnell beenden wird und der Krieg in einem Monat oder sogar nach
einem einzigen Kampf wieder vorbei ist.
Als die Armeen
von Union und Konföderierten an dem kleinen Fluss Bull Run
wenige Kilometer von Washington D.C. entfernt zum ersten Mal aufeinander
treffen, sind Schaulustige mit Picknickkörben und Sonnenschirmen
herangeströmt, um das Spektakel zu beobachten. Feine Damen
sind in ihren Kutschen gekommen und bewundern die prächtigen
Uniformen und bunten Fahnen. Vielleicht haben sie nicht ernsthaft
damit gerechnet, dass es mehr als ein Geplänkel geben könnte.
Doch sie haben den unversöhnlichen Hass und die Wut unterschätzt,
die sich zwischen Nord und Süd aufgestaut hat und die sich
nun ihre Bahn brechen. Mit schrecklicher Wucht prallen die Regimenter
aufeinander und das Blut fließt in Strömen. Unter den
Zuschauern bricht Chaos aus. Die Straßen sind durch panische
Bürger und fliehende Soldaten der Union verstopft.
Es ist der Auftakt
des blutigsten Krieges in der US-Geschichte. 618.000 Menschen kommen
darin um, mehr als in allen anderen Kriegen der USA zusammen. Besonders
schmerzhaft ist, dass dabei Amerikaner gegen Amerikaner kämpfen.
In manchen Familien tritt der eine Sohn in die Unionsarmee ein,
der andere hegt Sympathien für den Süden und meldet sich
freiwillig zum Dienst bei den Konföderierten. Auch Mary Lincoln
muss ertragen, dass mehrere ihrer Brüder für die Südstaaten
in den Krieg ziehen.
Auf den ersten
Blick sieht es nicht gut aus für den Süden: Die Konföderation
besteht aus elf Staaten und hat neun Millionen Einwohner, davon
etwa dreieinhalb Millionen Sklaven. Auf der Seite der Union stehen
23 Staaten mit 22 Millionen Einwohnern. Zudem hat der Norden fast
die gesamte Industrie, Waffen- und Stahlproduktion unter seiner
Kontrolle. Doch die Südstaatler kämpfen auf dem eigenen
Grund und Boden, für sie geht es um die Existenz. Sie sind
sehr viel entschlossener als die verhassten Yankees aus dem Norden.
Und sie haben
auch Vorteile auf ihrer Seite, unter anderem die besseren Generäle
und mehr Kriegserfahrung. Ein schwerer Schlag für den Norden
ist, dass der brillante Offizier Robert E. Lee (1807-1870) aus Virginia
das Oberkommando über die Unionstruppen ablehnt, obwohl er
von der Sezession nicht viel hält. "Wenn ich die vier
Millionen Sklaven in den Südstaaten besäße, würde
ich sie alle für die Union opfern", sagt er. "Aber
wie könnte ich mein Schwert gegen Virginia ziehen?" Stattdessen
übernimmt Lee die Leitung der Konföderiertenarmee; seine
rechte Hand ist Thomas "Stonewall" Jackson (1824-1863),
der ebenso furchtlos wie fromm ist (er entschuldigt sich sogar einmal
dafür, an einem Sonntag kämpfen zu müssen). Präsident
Lincoln dagegen muss einen risikoscheuen und entscheidungsschwachen
General nach dem anderen ablösen.
Schnell erreichen
beide Armeen eine halbe Million Mann. Wie es damals üblich
ist, sind viele Regimenter nach unterschiedlichen Nationalitäten
organisiert: In manchen dienen nur französischstämmige
Amerikaner, andere bestehen aus Iren, Skandinaviern oder Indianern.
Auch Regimenter, die aus freien Schwarzen bestehen, gibt es; insgesamt
bestehen die Truppen des Nordens zu 10 Prozent aus Schwarzen. Zu
hässlichen Zwischenfällen kommt es in New York, als dort
die irischen Einwanderer zum Wehrdienst eingezogen werden sollen.
Die Iren weigern sich, für die verhassten "Nigger"
in den Krieg zu ziehen, es gibt blutige Aufstände mit vielen
Toten. In den Südstaaten werden zunächst alle Männer
zwischen 18 und 35 eingezogen, später wird die Altersgrenze
sogar auf 50 Jahre angehoben. In diesem schrecklichen Krieg kämpfen
keine professionellen Armeen gegeneinander, sondern ganze Gesellschaften.
Obwohl die Truppen
des Nordens blendend ausgerüstet und den Konföderierten
in fast allen Schlachten zahlenmäßig überlegen sind,
verlieren sie durch zögerliche Taktik in den ersten Jahren
eine Schlacht nach der anderen. Da im Bürgerkrieg zum ersten
Mal moderne Gewehre und Geschütze eingesetzt werden, sind die
Gefechte extrem blutig. Die Namen der Orte, an denen sie stattfinden
- Antietam, Fredericksburg, Shiloh, Bull Run - stehen noch heute
für Tragödien. Nach der Schlacht von Shiloh ist, so berichtet
ein Zeuge, "der Boden so mit Toten bedeckt, dass man über
das Feld hätte laufen können, ohne den Boden zu berühren."
Es ist einer der ersten Kriege, der von Photographen dokumentiert
wird: Da die Technik noch lange Belichtungszeiten erfordert, fotografieren
Mathew Brady und andere meist Berge von Leichen und sorgen für
großes Entsetzen.
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