 |
| Leseprobe: |
 |
Die neue Wörterwerkstatt |
 |
| |
 |
Tipps und Tricks für
junge AutorInnen |
 |


 |
 |
Auszug
aus dem Kapitel "Geschichten schreiben"
Worüber du auch schreibst: Wenn du willst, dass deine Leser am
Ball bleiben, dann achte darauf, dass genügend Konflikte in deiner
Geschichte sind. Es braucht nicht unbedingt viel zu passieren,
denn reine ”Action” kann auch ganz schön langweilig
sein. Schon wieder fliegt irgendwo ein Auto durch die Luft oder findet
irgendwo eine Schießerei statt? Gähn! Konflikt dagegen ist,
wenn der Police Detective von seinem kriminellen Gegenspieler, der ihm
immer einen Schritt voraus zu sein scheint, fast zu Verzweiflung
getrieben wird. Wenn ein Mädchen, das gerade entdeckt hat, dass
sie schwanger ist, durch die Straßen irrt und sich fragt, was
jetzt werden soll und vielleicht sogar an Selbstmord denkt. Wenn ein
Junge sich in die Freundin eines guten Kumpels verliebt. Oder wenn -
wie im Roman Jack von A.M. Holmes - der Held herausfinden muss, dass
sein Vater schwul ist und sich von seiner Mutter getrennt hat, um mit
einem anderen Mann zusammenzuziehen. Nicht nur das muss Jack verdauen,
sondern auch, dass in der Schule alles bekannt wird und er sich den
Spitznamen ”Schwulenbaby” einfängt. „Ich kann
eine Figur auch einfach nur auf einem Stuhl sitzen lassen, aber dann
muss ein innerer Konflikt da sein, damit es spannend ist, dass er
einfach nur dasitzt“, erklärt der Kinder- und
Jugendbuchautor Mario Giordano (Die wilde Charlotte, Franz Ratte
räumt auf, Der aus den Docks). „Dann muss ich erwarten, dass
er jetzt überlegt, stehe ich jetzt auf und erschieße meinen
Gegner oder bleibe ich hier sitzen und warte, bis er mich
erschießt.“ Ein paar nette Tricks, um Spannung - ob reale
oder psychologische - zu erzeugen, sind:
 |
* Der Held oder die Heldin wünscht sich etwas ganz verzweifelt, aber Hindernisse
türmen sich vor diesem Ziel auf.
* Die Pläne von Held oder Heldin werden durchkreuzt. O Gott! Was tun?
* Ganz klassisch: Das Rennen gegen die Zeit. Nur 48 Stunden. Oder nur eine Woche.
Der Leser fiebert mit.
* Wenn irgendwo eine Bombe explodiert, ist das eine Überraschung. Wenn
der Zuschauer weiß, dass die Hauptfigur eine Bombe mit sich herumträgt,
ohne es zu wissen, dann ist das Spannung. (Ich wünschte, dieser Spruch wäre
von mir. Leider hat es Alfred Hitchcock schon vorher gesagt.)
* Zwischen deinen Hauptpersonen gibt es vermeidbaren Streit oder Mißverständnisse,
sie verpassen sich knapp, sie stehen sich selbst im Weg. Der Leser ist vielleicht
der einzige, der die Situation ganz durchschauen kann, und möchte die Hauptperson
am liebsten in den Hintern treten: Mach das doch endlich, du Trottel!
|
Wenn du feststellen willst, ob dein Text Lust aufs Weiterlesen macht, gibt es
eine ziemlich einfache Probe. Denk dich mal auf die andere Seite, auf die des
Lesers. Am besten ist, wenn dein Leser sich an jeder Stelle des Manuskripts irgendeine
Frage stellen muss: Findet Isa den Zauberring? Wie wird Kevin damit fertig,
dass der Typ aus der anderen Klasse ihn erpreßt? Was ist in dem geheimnisvollen
Kästchen, das Anja im Wald gefunden hat? Bekommen sich die beiden, die sich
ineinander verliebt haben, aber sich nicht trauen, es sich zu sagen? Solange du
solche inneren Fragen in deinem Text hast, braucht äußerlich nichts
Dramatisches zu passieren. Gibt es sie nicht, dann muss dein Text durch seine
wunderbare Sprache oder seinen Witz überzeugen. Training:
Denk mal an ein paar Bücher oder Filme zurück, die du besonders gerne
magst, und versuch festzustellen, warum sie so interessant oder spannend sind
und wie der Autor das hinbekommen hat. Aber du kannst es natürlich auch umgekehrt
machen. Du hast also gerade ein total langweiliges Buch gelesen. Warum war es
eigentlich langweilig? Welche Konflikte oder inneren Fragen hätte man einbauen
können?
Deine Personen: Abziehbilder
gegen den Strich bürsten
Deine Hauptpersonen, die ”Helden” und
”Heldinnen” (man nennt sie auch Figuren oder Protagonisten)
sind unheimlich wichtig. An ihnen hängt die ganze Geschichte. Das
kennst du wahrscheinlich auch aus manchen Büchern: Sind die
Menschen darin blass, langweilig oder oberflächlich, verliert man
schnell das Interesse, auch wenn die Story gar nicht so übel ist.
In schlechten Büchern oder Filmen sind die Figuren nur
Abziehbilder: Der coole Geheimagent, die dumme blonde Friseuse, die
Karrierefrau. Um solche Klischees (man nennt sie auch
”Stereotype”) sollte man in seinen eigenen Texten einen
Bogen machen. Die Ausnahme ist natürlich, wenn du es so stark
übertreibst, dass deine Leser sofort merken, dass du es nicht
ernst meinst. Häufig sind lieblos entworfene Romanfiguren
”eindimensional”: So bezeichnet man eine Figur, wenn sie
nur ganz wenige Merkmale und Eigenschaften vom Autor mitbekommen hat
und eigentlich auf eine Funktion beschränkt ist: Der
Schlägertyp komplett mit Stiefeln und Tätowierungen, die
bebrillte Streberin, der Hausmeister mit Besen und grauem Kittel. Du
kannst solchen Figuren trotzdem jede Menge guter Effekte entlocken,
wenn du sie sozusagen ”gegen den Strich bürstest”, das
Klischee umdrehst, oder der Person eine interessante Vorgeschichte
gibst. Die blonde Friseuse ist vielleicht hochintelligent und verdient
sich im Geschäft ihrer Eltern gerade das Geld für ihr
Physikstudium, der Schlägertyp ist eigentlich ein ganz sensibler
Mensch und versucht nur, möglichst taff zu erscheinen. In
Wirklichkeit schreibt er heimlich Gedichte. Auch die
”Streberin” muss nicht langweilig sein, vielleicht ist sie
eine Diplomatentochter, die in Afrika aufgewachsen ist und dort einiges
erlebt hat, bevor sie an der Vorortschule in Hannover gelandet ist? Und
der Hausmeister ist womöglich ein ehemaliger Stasi-Agent, der nach
der Wende dummerweise enttarnt wurde und keinen anderen Job mehr
bekommen konnte... Genauso wie mit den Standard-Personentypen ist es
mit guten und bösen Figuren. Es geht doch nichts über einen
wirklich guten Schurken, aber in der Wirklichkeit findet man solche
Gestalten nur ganz selten. Die meisten Menschen sind in sich
widersprüchlich und haben gute und schlechte Seiten, von denen
sich mal die eine, mal die andere durchsetzt. Wenn jemand sich mies
verhält, hat das meist einen Grund. Wenn du also eine
Unterhaltungsgeschichte schreiben willst, dann ist absolut nichts
dagegen zu sagen, dass du einen Bösewicht und einen Helden
auftreten lässt. In einer realistischen Geschichte ist
Schwarz-Weiß-Malerei dagegen nicht so gefragt, da geht es mehr um
die Motive und Gefühle ganz normaler Menschen. Wenn man
glaubwürdige, ”mehrdimensionale” und interessante
Personen schaffen will, muss man sich eine Weile mit ihnen
beschäftigen und ihnen ein Äußeres, ein Innenleben und
eine Vorgeschichte geben. So macht es auch die Autorin Cornelia Funke:
„Ich bereite meine Texte ganz genau vor und lebe auch erstmal ein
paar Wochen mit den Figuren, ehe ich anfange – dann geht das
Schreiben relativ flüssig. Bei Drachenreiter war es so, dass ab
Seite 150 die Figuren die Handlung übernahmen, die machten
plötzlich vollkommen andere Sachen als ich das erwartet habe. Ich
war oft überrascht, und das war sehr aufregend.“
Über deine wichtigsten Figuren solltest du wissen:
 |
* Wo kommen sie
her, was für einen Hintergrund haben sie? Sind sie im Hochhausviertel aufgewachsen
oder dort, wo die protzigen Villen stehen? Wie sind sie damit klargekommen? Was
waren ihre Eltern für Menschen?
* Wofür interessieren sie sich, was sind ihre Träume oder Wünsche?
Wovor haben sie Angst? Wie sehen ihre Zukunftspläne aus?
* Was für eine Persönlichkeit sind sie? Verträumt, ein bisschen vorlaut,
fröhlich-chaotisch...?
* Wie sehen sie aus?
* Wer sind ihre Freunde - haben sie viele oder gar keine? In wen sind sie verliebt?
Wer ist ihr großes Vorbild oder ihr Idol?
* Wie sprechen sie, wie bewegen sie sich, wie ziehen sie sich an, was für Musik
hören sie? Was machen sie in ihrer Freizeit?
* Was für besondere Gegenstände tragen sie mit sich herum oder besitzen
sie? Hat dein Schurke immer ein vergoldetes Handy in der Jackentasche, hat deine
Heldin ein Feuerzeug in Froschform, mit dem sie herumspielt, wenn sie nervös
ist?
* Was für kleine Macken und Angewohnheiten haben sie? |
Gerade die kleinen Details sind wichtig, wenn du eine Person
erschaffst, denn sie machen sie erst richtig lebendig. So wie Spock aus
den alten Star Trek-Filmen: Sein ”Faszinierend!” mit leicht
hochgezogener Augenbraue war berühmt. Am besten gibst du jeder
Figur ihre ganz eigenen Angewohnheiten, Sprechmarotten, Ticks,
typischen Bewegungen.
Natürlich ist die Versuchung groß, Menschen, die du kennst, als Vorbilder
zu nehmen und nur die Namen auszuwechseln. Das ist erlaubt und in der Literatur
auch gar nicht selten. Damit riskierst du nur, dass sich später in deinem
Text jemand wiedererkennt und vielleicht nicht so begeistert davon ist... Profis
schreiben zur Sicherheit vorne ins Buch, dass Personen und Geschehnisse garantiert
frei erfunden sind. Manchmal wissen alle Beteiligten genau, dass das nicht stimmt.
Wenn du dir alle diese Einzelheiten über deine Figuren überlegt hast,
dann wirst du merken, dass es nun viel einfacher ist, deine Geschichte zu schreiben.
Du wirst wissen, wie deine Heldin sehr wahrscheinlich reagieren wird, wenn sie
auf der Straße von einem schmierigen Typen dumm angemacht wird - wird sie
erschrecken und ängstlich schneller gehen, wird sie mit einem frechen Spruch
kontern oder ihren neusten Karateschlag an ihm ausprobieren? Wenn du eine Figur
etwas tun lassen willst, das ihr eigentlich nicht ähnlich sieht, dann musst
du dem Leser schon überzeugend erklären, was für Gründe sie
dafür hat. Sonst fällt der Widerspruch unangenehm auf. Es ist eine Kunst,
eine Person im Text zu charakterisieren, also dem Leser möglichst schnell
zu vermitteln, was für ein Mensch diese Katja, dieser Jonathan, dieser Herr
Weidenknecht ist. Hier gilt: Zeigen, nicht erzählen! Wenn ein Junge ständig
den Witzbold spielt, das aber mehr aus Unsicherheit macht und weil er so Anerkennung
finden will, dann sag es dem Leser nicht einfach. Zeig den Jungen sozusagen ”in
Action”. Schreib eine Szene, in der dumme Witze reißt und die Lehrer
ärgert, während seine Klassenkameraden vor Lachen unter den Tischen
liegen. Aber wenn die anderen nachher zusammen weggehen, bleibt er allein und
ein wenig hilflos zurück. Am charakterisiert man durch Dialog und durch Taten.
Hier ein Beispiel aus dem Buch Der Prinz und der Bottelknabe oder Erzähl
mir von Dow Jones von Kirsten Boie, einer Verwechslungsgeschichte der beiden Doppelgänger
Kevin und Calvin, der eine arm, der andere reich:
 |
”Du siehst
ja vielleicht aus!” sagte Jacqueline, als sie mir die Tür aufmachte.
Offenbar war sie gerade von ihrem Friseur zurückgekommen. Sie duftete noch
immer wie eine ganze Budnikowsky-Filiale. ”Irgendwas passiert?”
”Nee, alles okay”, sagte ich und ließ meine Plastiktüte auf
den Boden fallen. ... ”Ich hab mir eine Levi´s gekauft.”
Jacqueline tippte sich gegen die Stirn. ”Von was?” fragt sie und war
schon an der Tüte.
”Wovon”, sagte ich. ”Vom Zeitungsgeld. Die war runtergesetzt auf
die Hälfte.”
Jacqueline hielt die Hose in die Luft und inspizierte sie mit sachkundigem Blick.
”Geil!” sagte sie. ”Total gut. Du hast wohl den Arsch offen, was?
Vom Zeitungsgeld! Das gibt Hiebe.”
”Wieso nicht?”, sagte ich und schnallte ihr die Hose weg. ”Ist
schließlich mein Geld.”
Jacqueline zog den Mundwinkel hoch. ”Na, da wird Mama ja staunen”, sagte
sie. ”Dass das neuerdings dein Geld ist”, und sie drückte auf die
Fernbedienung. Auf dem Bildschirm erschienen nacheinander fünf verschiedene
Serie, bis Jacqueline endlich bei VIVA war. ”Sie muss das Telefongeld noch
bezahlen.”
”Was?”, sagte ich, aber Jacqueline wiegte ihren Oberkörper schon
im Takt der Musik. |
In einer kurzen Szene
hat Kirsten Boie nicht nur Jacqueline und die soziale Situation der Familie charakterisiert,
sondern auch einiges über den Erzähler Calvin ausgesagt. Er ist gewohnt,
sich mal eben eine Levi´s leisten zu können, und hat nicht wahrgenommen,
dass sein selbstverdientes Geld in der Familie dringend gebraucht wird. Außerdem
hat er die bessere Bildung und ist arrogant genug, es auch zu zeigen. Am besten
ist natürlich, wenn die Hauptpersonen nicht die ganze Geschichte hindurch
gleich bleiben, sondern sich entwickeln. Je mehr man erlebt, desto mehr verändert
man sich ja auch. Das gilt auch für Figuren in Geschichten. Ein Beispiel:
Zu Anfang der Erzählung ist die Heldin ziemlich still und lässt sich
von einer Anmache völlig einschüchtern. Dann findet sie eine Freundin,
die ganz anders ist, viel frecher, genauso wie es die Heldin selbst gerne wäre.
Die beiden ziehen gemeinsam herum und erleben alles mögliche, die Freundin
ermutigt sie, zu sagen, was sie denkt und für sich selbst einzustehen. Zum
Schluss ist die Heldin selbstbewusster geworden. Als sie mal wieder in der U-Bahn
angemacht wird, erlebt der Typ sein blaues Wunder! Wenn du eine Figur aufwändig
einführst, dann sollte sie im weiteren Verlauf der Geschichte auch wichtig
werden oder zumindest später nochmal auftauchen. Genauso ist es übrigens
mit Gegenständen: Wenn in einem Krimi eine ganze Wand voller antiker Waffen
hängt, dann wäre es ziemlich enttäuschend für den Leser, wenn
sie im Laufe der Handlung nicht für einen Mord benutzt werden würden.
Umgekehrt wäre es verwirrend, wenn dein Held in der Mitte einen wichtigen
Gegenstand benutzt, der vorher nie erwähnt wird und von dem der Leser nicht
wusste, dass er existiert. Wichtige Entwicklungen in der Story sollte man ”vorbereiten”.
Zum Schluss dieses Abschnitts noch eine wichtige Frage: Magst du die Figuren in
deiner Geschichte? Wenn sie dir, dem Autor oder der Autorin, egal sind, dann wird
es dem Leser wahrscheinlich ähnlich gehen. Also entwerfe ruhig Figuren, die
dir sympathisch sind, oder (wenn sie zu den ”Bösen” gehören)
vor denen es dich richtig gruselt.
|
|