Interviews:

Claus Coelius

Autor und Verleger

"Wenn mir einer erzählt hätte, daß ich einmal Verleger werden würde, hätte ich gelacht"

Claus Coelius ist Verleger des CC-Verlages, eines Hamburger Kleinverlags mit fünf Mitarbeitern, der Sachbücher zu den Themen Wirtschaftspraxis und Bewerbung veröffentlicht. Viele von ihnen schreibt Coelius selbst. Der gelernte Schiffsbauer studierte vor seiner Karriere in der Buchwelt Volkswirtschafts- und Betriebswirtschaftslehre. 

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, einen Verlag zu gründen?

Aus Verärgerung. Nach dem Studium kam bei mir die Frage auf, wie kann ich denn jetzt gut einsteigen ins Leben, so dass ich nichts falsch mache oder in einer Sackgasse lande. Ich suchte also Bücher, weil die Beratung des Arbeitsamts sehr schlecht war. Aber es gab kaum etwas für Absolventen, und das Niveau dieser Bücher war auch nicht so toll. Da habe ich gedacht, okay, kümmerst du dich mal selber drum und informierst dich. Nach und nach haben immer mehr Leute im Freundes- und Bekanntenkreis mich nach Tips gefragt, weil sie merkten, ich kenne mich da aus und die Tips funktionierten immer ganz gut. Áls immer mehr kamen, habe ich gedacht: Mensch, schreib das doch mal runter! So ist das erste Buch entstanden.

Und von dort war es dann nicht mehr weit bis zum eigenen Verlag...?

Ich habe dieses Buch zu Anfang eigentlich eher für mich und für meinen Freundeskreis geschrieben. Damals habe ich noch gar nicht an einen Verlag gedacht, ich habe einfach hundert Stück drucken lassen, im Schreibmaschinensatz. Dann habe ich mich geärgert, dass das Layout nicht so toll aussieht, also habe ich angefangen, es auf dem Computer zu machen... und so ging das weiter. Wenn mir einer erzählt hätte, daß ich einmal Verleger werden würde, da hätte ich gelacht. Hatte ich wirklich nicht vor.

Wie haben Sie die Vertriebsfrage gelöst?

Ich habe überlegt, was ich denn mit diesen hundert Stück machen sollte, und bin dann einfach zu einem Buchhändler gegangen und habe gefragt, ob er interessiert wäre. Aber das war furchtbar und unerfreulich.
Später habe ich in großen Zeitungen Anzeigen geschaltet, um mein Buch bekanntzumachen. Das war reichlich teuer. 3000-4000 Mark kostete so eine Anzeige, und ich wußte ja nicht, ob das eine Resonanz gibt oder nicht. Ich hatte zum Glück den Vorteil, daß in der Presse sehr viel über mich geschrieben wurde und auf diese Art Buchhändler aufmerksam wurden, weil die Leute in die Buchhandlung kamen und nach meinem Buch fragten. So kam ich auch immer mehr in Kontakt mit Buchhändlern und schnackte mit denen. Die ermuntern mich dann auch immer mehr. Zum Schluß habe ich als mein eigener Vertreter 3.000 Buchhandlungen besucht. Ich bin hier in Hamburg der Autor und Verleger zum Anfassen. Das war hart, aber gut. Da lernt man wirklich den Markt kennen.

Wann haben Sie Ihren "Brotberuf" aufgegeben?

Am Anfang habe ich weiter hier gearbeitet, aber dann wurde meine Verlagsarbeit immer aufwendiger und hat mir auch genug Geld gebracht.Wenn man auch noch neue Bücher schreiben möchte, weil man durch Gespräche mit Buchhändlern auf neue Ideen gekommen ist, braucht man Zeit dafür. Also habe ich gekündigt.

Könnte man so einen Erfolg heute noch wiederholen?

Damals war die Situation anders als heute. Es gab nur vier Titel, die sich mit Bewerbungen beschäftigen. Wenn ein neues Buch zum Thema kam, ging das gut weg. Von dem Bewerbungsbuch haben wir mittlerweile über 350.000 verkauft. Heute gibt es über 40 Titel zu dem Thema. Am Anfang war es wirklich ein Nervenkrieg, weil ich ziemlich viel investiert hatte. Aber dann kamen ziemlich viele Anfragen über die Anzeige rein. Diesen Weg würde ich im nachhinein nicht nochmal empfehlen, weil die Situation wirklich eine andere geworden ist.
Heute habe ich Vertreter, auch in der Schweiz und Österreich, da bin ich überall vertreten. Aber ich reise auch noch selber. Ich sage immer zu den Buchhändlern: Ihr seid meine besten Marktforscher. Oft komme ich auch mit neuen Ideen zu ihnen und frage: Was haltet ihr denn davon? Die kennen mich ja und wissen, daß ich nicht beleidigt bin, wenn sie mal sagen: Na, da lassen Sie lieber die Finger von. Der Nebeneffekt ist: Wenn man mit denen das Buch gemeinsam erarbeitet hat, dann stehen die Buchhändler auch ganz anders dahinter.
Kleinverleger klagen oft, dass sie nicht schaffen, ins Barsortiment reinzukommen...
Ja, das war am Anfang schwierig. Aber weil die Buchhändler gedrängt haben, hat es geklappt. Weil die Nachfrage gestimmt hat, war das eigentlich kein Problem. Wichtig war, daß man gegenüber Buchhandel und Barsortiment von Anfang an professionell auftritt. Es gibt ja Ressentiments, oh, das ist kleiner Verlag oder sogar ein Selbstverlag! Man muß durch die Leistung überzeugen, das muß einfach perfekt ablaufen, zu Not muß man sich mit einem Buchhändler zusammensetzen und fragen: Wie erwartet ihr das? Außerdem sollte man das persönliche Verhältnis pflegen.
Häufig waren es kleine Buchhändler, die sagten: Ihr Verlag ist mir zu klein. Die großen waren professionell, deswegen habe ich eigentlich lieber mit großen verhandelt, mit Karstadt oder Montanus. Da ist es nicht emotional, die müssen nicht jedes Buch selbst gut finden. Da geht es um Umsätze, und dann wird knallhart über Konditionen gesprochen. Das emotionale kommt dann hinterher, wenn das Geschäft läuft.

Wie haben Sie Ihre Vertreter gefunden?

Per Anzeige in den Branchenmedien.

Haben Sie viel Pressearbeit und PR betrieben?


PR ist ganz, ganz wichtig, und das muß man auch systematisch anpacken. Ich habe Journalisten aus meinem Freundeskreis gefragt, wie man sowas macht. Dann habe ich einfach zum Hörer gegriffen und habe die Redaktionen angerufen, mich durchgefragt, wer zuständig ist und denen gesagt: Hier, wir haben da ein Buch, ich könnte mir vorstellen, daß das für Sie interessant ist. Das Material, das man ihnen schickt, muß perfekt sein, mit brauchbarem "Waschzettel", auf dem alle wichtigen Informationen stehen.
Aber man muß trotzdem sehr viel Geduld und Frustrationstoleranz mitbringen. Viele Leute haben auch das Gefühl, sie schicken die Bücher in einen leeren Raum und es kommt nie eine Antwort. Es dauert ja bis zu einem halben Jahr, bis Rezensionen erscheinen, da muß man immer wieder nachfassen.

Haben Sie das alles allein gemacht, oder hatten Sie Hilfe?

Wir hatten jemand fürs Packen und für die Rechnungsbearbeitung. Schließlich haben wir am Anfang selbst den Versand gemacht, jedes Buch ging innerhalb von 24 Stunden raus. Das war sehr aufwendig. Ganz am Anfang, als ich noch keine Mitarbeiter hatte, war das eine tierische Arbeit. Durch die Buchhandlungen reisen, Bestellungen und Rechnungen schreiben - alles von Hand, damals gab es keine Computer - alles verpacken, dann wieder reisen. Aber ich habe mir gedacht, da mußt du durch, das mußt du kennenlernen.
Ich habe nie Kapital von außen aufgenommen sondern es immer so gemacht, dass es sich aus sich selbst heraus finanziert hat, durch Vorbestellungen und dergleichen. Außerdem waren wir vorsichtig und haben nicht so viele Titel gemacht. Das kann ich nur jedem empfehlen, damit er nicht vollkommen reingerissen wird und er mit dem Rücken an der Wand steht, wenn es schiefgeht.

Sie verlegen mittlerweile nicht mehr nur eigene Bücher. Wie kommen Sie mit Ihren Autoren klar?

Ein großes Problem ist die Termintreue der Autoren. Bisher habe ich es diplomatisch einigermaßen gut hingekriegt, aber einmal nicht. In diesem Fall haben wir dem Autor eine Nachfrist eingeräumt, und als er die nicht eingehalten hat, sind wir vom Vertrag zurückgetreten. Der hat aber auch Zeug abgeliefert, so würde ich nicht mal Notizzettel abgeben! Dieser Autor war eigentlich sehr kompetent, Mitarbeiter in einem großen Konzern. Nadelstreifen, Flip Chart, Dienstwagen, alles da. Nur rübergekommen ist nichts.
Ich habe die Erfahrung gemacht, daß vor allem Autoren, die noch nicht so viel Erfahrung haben, das Bücherschreiben unterschätzen. Die denken, ach, 200 Seiten, das mache ich mal eben so. Aber daß da eine tierische Arbeit dahintersteckt, das merken viele erst, wenn sie es schreiben. Die meisten schreiben außerdem zuviel - das ist ein echtes Problem. In so einem Fall platzt ja die ganze Kalkulation. Ich mache das jetzt so, daß ich den Autoren ihr Manuskript zurückgebe und ihnen sage: Geht nicht, ihr müßt das auf soundsoviel Seiten runterkürzen.

Haben Sie selbst als Autor das gleiche Problem...?

Mir selber fällt das Schreiben furchtbar schwer. Für das Assessment Center-Buch habe ich zwei Jahre recherchiert. Das Schreiben ging dann ziemlich schnell, das hat ein halbes Jahr gedauert. Wenn der Stoff recherchiert ist und das Konzept steht, dann kann man es auch in drei Monaten machen. Es kommt darauf an, was man schreibt.

Herr Coelius, danke für das Interview!

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