Kurzgeschichten:
Der Delphinmensch
Sylvia Englert 1994
Auszug
Was hat der Deckel einer Margarinedose mit einer Kreuzfahrt zu tun? Bis vor kurzem
wußte das Christian auch noch nicht. Er hatte längst vergessen, daß
er eines Morgens das Preisausschreiben auf einem Margarinedeckel mitgemacht, den
Deckel in einen Umschlag gezwängt und die ganze Bescherung (Fettflecken inklusive)
in den Briefkasten geworfen hatte. Aber offensichtlich hatte ihm irgend ein Engel
die Daumen gedrückt, denn wenige Wochen später stand er auf dem Deck
der "MS Hamburg", er hatte eine Kreuzfahrt durch die Bahamas gewonnen.
Christian war Student, er wollte Tiere heilen lernen und kam seinem Ziel mit jedem
Semester näher. In seinem Paß standen nur langweilige Dinge wie "Keine
besonderen Kennzeichen", und kein Zollbeamter hätte einen zweiten Blick
auf ihn geworfen. Aber in seinem Kopf gaben sich abenteuerliche Ideen die Klinke
in die Hand. In den letzten Ferien war er mit einem Jeep durch die Sahara gefahren.
In den nächsten Ferien wollte er mit einem Schlauchboot den Amazonas hinunterschippern.
Nur schade, daß er ein Mensch ohne jeden Sinn fürs Praktische war und
unweigerlich jedesmal vergaß, das Wichtigste einzupacken.
Auf der MS Hamburg langweilte er sich schrecklich. Obwohl der Luxusliner über
mehrere Boutiquen, eine Auswahl an Bars und sogar einen Friseur verfügte,
kam Christian nicht auf seine Kosten. Er fühlte sich in Boutiquen fehl am
Platz, mochte keinen Alkohol und ließ sich außerdem die Haare wachsen.
Daher planschte er in dem winzigen runden Swimmingpool auf dem Oberdeck herum,
las in Standardwerken der Veterinärmedizin oder faulenzte in einem Liegestuhl.
Eines Morgens - er brütete gerade über dem Kapitel über Innere
Parasiten - begannen sich die Menschen an Deck zu regen, sich gegenseitig zuzurufen
und zur Reling zu gehen. Als die Liegestühle um ihn herum längst verwaist
waren, fiel diese Tatsache schließlich auch Christian auf. Er legte sein
Buch weg, schlenderte zum Bug, ergatterte sich einen Platz an der Reling und blickte
ins Meer. Was er sah, veränderte ihn für immer.
Drei Schatten glitten durch die Bugwelle, die wie Kristall über ihre Körper
floß. Übermütig tauchten sie durch das eisblaue Wasser und hielten
mühelos Schritt mit dem schnellen Schiff, ihrem riesigen weißen Spielzeug.
Einer von ihnen sprang so hoch er konnte, als wolle er sich über die Schwerkraft
lustig machen. Er zeichnete einen weiten Bogen in die Luft und tauchte wieder
ein in die Gischt. Hingerissen beobachtete Christian hoch über ihnen, wie
die Delphine in der Bugwelle spielten. Sie waren Eleganz und Geschwindigkeit,
Schönheit und Kraft.
"Auf meiner letzten Kreuzfahrt sind sie fast jeden Tag gekommen", sagte
eine Frau neben ihm.
"Man bekommt richtig Lust mitzumachen", sagte Christian.
"Nicht wahr?" meinte die Frau.
Über eine Stunde vergnügten sich die Delphine mit der MS Hamburg, dann
drehten sie ab und verschwanden.
"Ich wäre gerne mal ein Delphin", sagte Christian laut. Doch es
kam keine Antwort. Die Frau neben ihm war längst weggegangen.
In der nächsten Nacht schlief Christian schlecht. Vielleicht lag das daran,
daß nach den ersten, schönen Tagen nun der Wind stärker und die
Wellen höher geworden waren. Hunderte von Landratten kullerten in dieser
Nacht jämmerlich in ihren Kojen von einer Seite auf die andere. Schließlich
hatte Christian die Nase voll und ging an Deck. So bekam er, wenn schon keinen
Schlaf, dann doch wenigstens eine Nase voll frischer Seeluft.
Er wanderte über das menschenleere Oberdeck, lehnte sich an die Reling und
blickte die hohe Bordwand hinunter. Das Meer war sehr weit weg, aber es machte
sich dennoch bemerkbar. Im Sekundentakt klatschten vom Mondlicht versilberte Wellen
dröhnend an den Rumpf des großen Schiffs.
Plötzlich hörte Christian eine Stimme rufen. Er lauschte ungläubig.
Die Rufe kamen ja vom Meer dort unten! War etwa jemand über Bord gegangen?
"He, du!"
Das klang nicht gerade, als sei ein Mensch in Not. Christian kniff die Augen zusammen
und spähte nach unten. Im Mondlicht war die Wasseroberfläche gut zu
erkennen - und da unten war etwas. Ein Mensch? Nein, nicht ganz!
"Ich bin eine Seehexe", erklärte das Wesen gelassen. Es mußte
ziemlich laut sprechen, damit Christian an Deck es verstehen konnte. "Ich
habe dir einen Vorschlag zu machen."
Der Mond kam hinter einer Wolke hervor, und Christian konnte Einzelheiten des
seltsamen Besuchs erkennen.
"Wenn ich gewußt hätte, daß es im Meer so häßliche
Wesen gibt, wäre ich neulich nicht so weit hinausgeschwommen", grauste
sich Christian.
"Das habe ich nicht nötig, mir so etwas sagen zu lassen", meinte
die Seehexe beleidigt, verschränkte die Arme und blickte hochmütig weg.
Aus dem Augenwinkel beobachtete sie Christian, ob ihre vernichtende Ablehnung
schon Wirkung zeigte.
Aber Christian lachte nur. Als moderner Mensch und angehender Mediziner hatte
er keine besondere Angst vor Hexen. "Also, was hast du mir anzubieten?"
"Äh, du könntest deine Wünsche... blubb.." Eine besonders
hohe Welle vom Schiffsbug überspülte die Seehexe. Prustend kam sie wieder
an die Oberfläche und krächzte: "...wahr machen. Einmal ein Delphin
sein, nicht wahr, das willst du doch? Es ist ganz einfach. Für mich eine
Kleinigkeit. So etwas mache ich jeden Tag."
"Gib nicht so an", sagte Christian. "Was würde ich dafür
tun müssen?"
"Für dich mach ich's umsonst", sagte die Seehexe mit einem boshaften
Glitzern in den Augen. "Ich gebe dir einen meiner Zauberringe. Aber wenn
du das Ding verlierst, mußt du mir sieben Jahre dienen. Und wenn du dich
in einen Menschen zurückverwandelt hast, brauche ich ihn zurück."
"Dann verliere ich ihn lieber nicht", sagte Christian und musterte die
Seehexe mit einem Anflug von Ekel. "Kann ich mich damit jederzeit zurückverwandeln?"
"Natürlich! - das heißt, immer bei Sonnenaufgang oder Sonnenuntergang",
keckerte die Hexe. "Schau, hier ist er."
Ein kleiner, glitzernder Gegenstand flog über die Reling und kollerte über
das Deck. "He!" rief Christian und rannte hinterher. Kurz bevor der
Ring sich unauffindbar in irgendeine Ritze verkriechen konnte, klatschte ihn Christian
mit der flachen Hand aufs Deck.
"Puh, das war knapp!" keuchte er und steckte ihn sich sofort an den
Finger. Dann ging er wieder zur Reling und blickte ins dunkle Wasser, wo die Hexe
enttäuscht im Meer plätscherte.
"So, und was jetzt?"
"Zum richtigen Zeitpunkt mußt du ihn mit Meerwasser benetzen und sagen:
`Einst ein Mensch, nun ein Delphin.' Zur Rückverwandlung genügt es,
ihn - wieder bei Sonnenaufgang oder -untergang - an die Luft halten und zu sagen:
`Einst ein Delphin, nun ein Mensch'."
"Werd ich schon schaffen", sagte Christian. "Die Sonne geht gleich
auf, da kann ich es ausprobieren."
"Na dann viel Spaß!" schrie die Meerhexe und verschwand schadenfroh
glucksend im dunklen Wasser.
Ringsum dehnte sich das Meer, aber an Bord der "MS Hamburg" Meerwasser
zu bekommen war gar nicht einfach. Schließlich band Christian eine Flasche
an einen langen Faden, den er einem verschlafenen Steward abgebettelt hatte. Diese
Konstruktion warf er dann ins Meer und zog sie wieder hoch an Deck.
"Na also!" sagte Christian. Viel länger hätte er nicht brauchen
dürfen, denn schon färbte sich der Horizont goldrot.
Christians Herz pochte, aber die Abenteuerlust hatte ihn rettungslos gepackt.
Er stieg über die Reling auf einen schmalen Sims, goß etwas Wasser
über den Finger, an dem der Ring steckte, murmelte die Zauberformel - und
schrie.
Sein Körper verformte sich, wurde von gewaltigen Kräften geknetet und
gedehnt. Gleichzeitig verlor er seinen Halt an der Reling und rutschte ab. Christian
wollte wieder schreien, aber es kam nur ein klägliches Quietschen aus seinem
Mund. Er versuchte, nach der Reling zu greifen, aber das geht nun einmal nicht
mit Flossen. Im freien Fall stürzte er dem Meer entgegen und landete mit
einem gigantischen Platsch.
Aber diesmal brauchte er nicht nach Luft zu schnappen. Er ließ sich einfach
nach oben gleiten, vollkommen entspannt. Kühl und frisch floß das Meerwasser
an seinem Körper entlang. Unter ihm dehnte sich ein gewaltiger, grün-blauer
Abgrund, aber das machte Christian keine Angst mehr. Ein Schlag seiner Schwanzflosse
genügte, dann war er an der Oberfläche und stieß die verbrauchte
Luft aus seinen Lungen. Das Kreuzfahrtschiff rauschte wie ein schwimmender Berg
an ihm vorbei. Seine gigantische Schraube brachte das Wasser zum Brodeln und Dröhnen.
"Verdammich, es hat tatsächlich geklappt!" dachte Christian beeindruckt.
Aber dann erinnerte er sich an den Ring und rief ein verzweifeltes "O nein!".
Oder eher war das seine Absicht - was herauskam war einfach nur ein schriller
Pfiff.
Er drehte den Kopf (was ohne Hals gar nicht so einfach ist) und versuchte auf
seine Flosse zu blicken. Dort saß natürlich kein Ring mehr. Aber da
hatten seine Augen auch schon einen kleinen goldenen Gegenstand erblickt, der
blinkend in die Tiefe trudelte.
Christian tauchte senkrecht ab, so schnell er konnte - dem Ring hinterher. Wenn
ich doch wenigstens wüßte, wie mein Sonar funktioniert! dachte er aufgeregt.
Er wußte, daß Delphine mit Schallwellen, die sie erzeugen, Gegenstände
orten können - sozusagen mit einem eingebauten Radar. Aber das klappte bei
ihm noch nicht so recht, und er verlor den winzigen Ring immer wieder aus dem
Blickfeld. Außerdem wurde ihm langsam ungemütlich zumute, je tiefer
er kam. Schon war er in vierzig Metern Tiefe, und der Abgrund nahm kein Ende.
Er wußte nicht, daß Große Tümmler nicht besonders tief
tauchen können - oder wollen - aber er merkte es am eigenen Leibe. Neunzig
Meter unter dem Meeresspiegel gab er schließlich auf und schoß mit
einem Gefühl großer Erleichterung wieder der Oberfläche, dem Licht,
zu.
Dann aber wurde ihm das ganze Ausmaß seines Mißgeschicks klar.
"Scheiße!" dachte er. "Wenn jetzt die Hexe auftaucht, muß
ich sieben Jahre lang für sie malochen."
Mit der ihm eigenen Unbekümmertheit beschloß Christian, das Problem
später zu lösen und erst einmal das Beste aus seinem Zustand als Zahnwal
zu machen. Er streckte die Schnauze aus dem Wasser, blinzelte in die Sonne und
nahm dann Kurs auf die Bahamas. Schon bald war die MS Hamburg außer Sicht. |