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Interviews:
Mario Giordano
Beruf: Geschichtenerzähler
Mario Giordano ist einer der neuen Stars unter den Kinder- und Jugendbuchautoren.
Er wurde 1963 in München geboren, studierte Philosophie und Psychologie in
Düsseldorf und schrieb noch während des Studiums seinen Erstling "Die
wilde Charlotte". Später folgten "Franz Ratte räumt auf","Karakum",
der Erwachsenen-Roman "Black Box" und viele Fernsehdrehbücher.
Für seinen Jugendroman "Der aus den Docks" (rororo 1997) bekam
er den Hans-im-Glück-Preis, und vor kurzem wurde sein Roman "Black Box"
unter dem Namen "Das Experiment" verfilmt. Er lebt in Hamburg.
Hat denn ein neuer Autor überhaupt noch Chancen, daß sein Buch veröffentlich
wird?
Gute Bücher werden immer gebraucht, davon bin ich überzeugt. Wenn ich
eine Geschichte habe und mich nicht traue, weil sie den Ansprüchen, die ich
an gute Literatur habe, nicht richtig genügt, sollte ich es trotzdem mal
probieren. Es könnte ja sein, daß ich mit meiner Selbstkritik völlig
daneben liege und es ist vielleicht doch ganz gut, und selbst wenn es nur mittelmäßig
ist, auch dann ist es oft noch ausreichend für eine Veröffentlichung.
Man darf nicht aufgeben, man muß einfach weitermachen und das weiter probieren.
Wenn man das wirklich will, dann wird man das auch können, und dann wird
sich auch ein Weg finden.
Wie sind Sie Schriftsteller geworden?
Ich habe in der Oberstufe natürlich wie die meisten Leute Gedichte geschrieben,
die in kleinen Insider-Literaturzeitschriften abgedruckt wurden. Darauf war ich
mächtig stolz. Als Jugendlicher habe ich auf dem Schulhof oft Geschichten
erzählt. Ich hatte immer ein Publikum, stand auf dem Hof und habe Geschichten
erzählt. Meine Mitschüler fanden das interessant. Ich dachte mir,
das könnte ein schöner Beruf sein, nichts anderes mehr zu tun im Leben
als Geschichten zu erzählen. Mit dem Schönheitsfehler, daß man
die dann irgendwann mal aufschreiben muß. Was ja Arbeit ist.
Mit dem Bücherschreiben begann das so: Ich wollte ein Kinderbuch schreiben
und habe mich rumgequält, bis ich mir dann gesagt habe: Wenn du das wirklich
willst, mußt du es einfach tun. Sonst sagst du dir den Rest deines Lebens:
Ich hätte ein guter Autor werden können und habe es nicht versucht.
Also habe ich angefangen, eine Geschichte zu schreiben, die mir mal eingefallen
ist. Das hat eine Weile gebraucht, mit Unterbrechungen, aber dann war Die wilde
Charlotte wirklich so weit, daß ich dachte, jetzt kannst du nicht wochenlang
aufhören und dann wieder anfangen zu schreiben, jetzt mußt du dich
einmal zwei, drei Monate hinsetzen und diese Geschichte zu Ende schreiben. Das
war während des Studiums, und in der Zeit hat meine Freundin für mich
mitgearbeitet, das war toll, deswegen ist ihr auch das Buch gewidmet.
Wie haben Sie das Manuskript angeboten?
Die Adressen hatte ich aus der Bücherei, da gibt es Verzeichnisse deutschsprachiger
Verlage. Zuerst bin ich aber in die Buchhandlung gegangen und habe mir Verlage
herausgesucht, die Abenteuergeschichten machen, so ähnlich wie die, die ich
habe. Dann habe ich eine Rangfolge gebildet mit den Verlagen, die mich mehr interessieren
oder weniger. Die, die mich eher interessiert haben, wollte ich natürlich
zuerst anschreiben, die sollten die erste Chance bekommen. Ich habe wirklich damit
gerechnet, daß jeder Verlag sofort zusagt. Beim ersten Verlag hat die Lektorin
mir einen sehr netten Brief zurückgeschrieben, sie fände das Buch toll,
es hätte ihr sehr gefallen, es gäbe leider keine Möglichkeit, es
im Programm unterzubringen, aber sie hätte einen Verlag, der auch zu ihrer
Gruppe gehört, auch sofort gefragt, ob es eine Möglichkeit gibt. Dort
leider auch nicht, aber sie sei sicher, daß es was werden würde, ich
solle nur weiter probieren und sie würde mir viel Glück wünschen.
Das war eine sehr ermutigende erste Ablehnung, deshalb habe ich munter weitergemacht.
Ich habe dann die üblichen Standard-Formbriefe bekommen, und dann auch mal
wieder positive Rückmeldungen, und dann auch mal ein Angebot: "Ja, das
paßt nicht, aber schicken Sie uns doch mal ein Angebot für die Idee
für ein anders Buch". Daraus ist nichts geworden, weil das Seefahrtsgeschichten
sein sollten, und davon verstehe ich zu wenig.
Nach vier Monaten ohne Antwort habe ich mich dann schließlich getraut, bei
Rowohlt anzurufen, habe mich mit dem Rotfuchs-Lektorat verbinden lassen und gefragt,
was denn jetzt ist, ob sie mir nicht eine Zwischenmeldung geben können. Die
Lektorin sagte: „Oh, Sie haben vor vier Monaten ein Manuskript geschickt?“
Sie hat sich sehr entschuldigt, daß sie das nicht längst gelesen hat
und das sei viel zu lange. Sie hat versprochen, sie sucht sich das aus dem Stapel
raus und nimmt sich das mit ins Wochenende und würde mir sofort eine Zwischenmeldung
geben. Das fand ich sehr nett, und ein paar Tage später kam ein sehr höflicher
Brief, sie fand das Buch toll und es hätte ihr so gefallen und wunderbar,
aber sie kann es leider nicht machen, weil sie etwas ganz ähnliches im Programm
hätten. Aber wenn ich Lust hätte, dann würde sie mir anbieten,
eine Kurzgeschichte für eine Anthologie, die jetzt anstünde, zu schreiben.
Eine Woche später kam von Elefanten Press die Rückmeldung, daß
sie aus der Wilden Charlotte gerne ein Buch machen möchte, und dann kam relativ
schnell von Rowohlt nochmal die Anfrage, ob ich Lust hätte, ein „Buch
zum Film“ zu schreiben. Daraus ist dann Karakum geworden.
Insgesamt habe ich 13-14 Verlage angeschrieben. Es waren 33 Verlage auf meiner
Liste, und ich weiß nicht, was gewesen wäre, wenn es mit den 33 nicht
geklappt hätte. Ich hätte es irgendwann mal probiert, weil ich mir gedacht
hätte, die Lektoren wechseln, dann kriegst du irgendwann einen anderen. Aber
erstmal hätte ich es wohl aufgegeben und gedacht, Nee, das ist doch nicht
dein Ding.
Ich habe ein Riesenglück gehabt. Das erste Buch wurde nur gedruckt, weil
sie einen Programmplatz frei hatten für den Herbst, weil sie eine Piratengeschichte
gesucht haben, weil mein Manuskript irgendwo obenauf auf dem Stapel lag. Das gehört
auch dazu: Glück. Ohne Glück geht´s auch nicht. Aber man natürlich
die Wahrscheinlichkeit für das Glück erhöhen, indem man mein Manuskript
öfter rumschickt.
Bringt es etwas, wenn ein Autor sein Manuskript auf der Buchmesse anbietet?
Schaden kann es nicht, aber ob es viel bringt, weiß ich nicht. Man muß
sich vorstellen, daß die Leute auf einer Buchmesse unter einem enormen Druck
stehen. Die haben sich alle den Tag schon mit Terminen vollgepackt. Wenn man sie
dann mal am Stand trifft, haben sie gerade mal fünf Minuten Zeit, sich einen
Kaffee reinzuschütten und zum nächsten Termin zu hetzen. Wenn man ihnen
dann ein Manuskript in die Hand drückt, wissen sie am Ende nicht mehr, wer
es ihnen gegeben hat. Sie nehmen es wohl an, aber in der Regel passiert auch nicht
mehr damit, als wenn man es hinschickt - es landet auf dem Stapel und wird dann
irgendwann gelesen, aber auch nicht bevorzugt. Bei den Sachbüchern ist das
was anderes, da kann man drüber sprechen, man kann einen Termin vereinbaren.
Waren Sie bei den Verlagen mit Honorar und Konditionen zufrieden?
Ja, ich habe gute, branchenübliche Verträge bekommen, meine Verlage
halten sich mehr oder weniger an den Normvertrag. Wie es gewesen wäre, wenn
ich angefangen hätte zu Feilschen - das weiß ich nicht. Ich habe das
zu Anfang nicht gemacht, ich habe es sehr lange nicht gemacht, weil ich einfach
zu naiv war. Es interessierte mich auch nicht. Man muß lernen, sich dafür
zu interessieren. Ich habe sehr spät angefangen zu verhandeln, und zwar dann,
als ich gehört habe, was bei anderen noch möglich ist.
Von wem haben Sie das denn gehört? Hatten Sie Kontakt mit anderen Autoren?
Ich kannte damals keinen anderen Autor. Erst als das Buch raus war, habe ich über
meine Lektorin Martin Klein kennengelernt, der auch für Elefanten Press schrieb.
Er ist so alt ist wie ich, ein sehr sympathischer, toller Typ, und ich mochte
seine Bücher. So ist eine Freundschaft entstanden. Treffen zwischen Kollegen
laufen hier in Hamburg auf privater Basis, weil es einfach für die Autoren
sehr schwierig ist, das zu tun, was alle anderen Berufe können, nämlich
mal tratschen. Wenn man angestellt ist, kann man mal auf den Gang treten, eine
Zigarette rauchen und mit den Kollegen quatschen oder lästern. Also trifft
man sich unter Autoren, wenn man zusammen in einer Stadt lebt und sich mag, gelegentlich
mal. Wir haben hier in Hamburg auch einen Verein gegründet, der Lesenächte
an Hamburger Schulen veranstaltet.
Was für Erfahrungen haben Sie mit Ihren Lektorinnen und Lektoren gemacht?
Gute. Ich kenne auch Kollegen, die sich beschweren, sie würden thematisch
und vom Stil her gegängelt von ihren Lektoren. Das habe ich nie erlebt. Ich
habe immer machen können, was ich wollte – zum Glück hat nie jemand
versucht, mir da reinzureden. Man spricht miteinander. Das finde ich sehr wichtig
und sehr gut, denn ohne vernünftige Rückmeldung wird das Buch nicht
so gut, wie es werden könnte. Vier Augen sehen mehr als zwei. Außerdem
schreibt man das Buch für ein bestimmtes Publikum. Ein Lektor hat ein zweites
Auge für den Geschmack der Leser.
Manchmal verabredet man vorher bestimmte Sachen. Bei Der aus den Docks war es
so, daß ich eine Abenteuergeschichte von zwei Jungs schreiben wollte, eine
Eifersuchtsgeschichte, bei der auch ein Hund vorkommen sollte, der die Geschichte
vorantreibt. Das war so eine diffuse Idee, und meine Lektorin hat gefragt, ob
diese Geschichte nicht in Hamburg spielen könnte, sie würden gerne ein
richtiges Hamburg-Buch machen. Ich war begeistert und sagte, natürlich, ja
klar, ich liebe Hamburg sehr, und der Hafen sind die ideale Szenerie, St. Pauli
wären ideal für dieses Buch. So begegnet man sich auf halber Strecke.
Sprechen Sie neue Projekte immer schon so frühzeitig ab?
Die Verlagsleute fragen natürlich immer: „Na, Mario, hast Du Ideen?“,
und ich erzähle von den Einfällen, die mir im Kopf rumschwirren und
die ich so allein erstmal nicht sortieren kann und will. Ich weiß, welche
mir näher am Herzen liegen oder nicht, aber viele liegen so gleichauf. Und
dann sagt der Lektor schon mal: „Oh, das interessiert mich ganz besonders.“
So war das bei dem Buch, das ich gerade schreibe, Black Box, da hat mich der Cheflektor
von Wunderlich getroffen und gefragt, ob ich nicht Lust hätte, was für
sie zu schreiben. „Ja, im Prinzip schon“, habe ich gesagt. „Was
hast du für Ideen, was würdest du gerne machen?“ Ich habe dann
ein paar Sachen erzählt, die mir so im Kopf rumgehen, ich erwähnte den
DAX, und da sagte er: „Nein, erzähl nicht weiter. DAX ist doch Wahnsinn.“
Dann hat er angefangen zu assoziieren. Bei mir ging dann auch sofort die Flamme
an und ich wollte dann unbedingt diese Geschichte schreiben, die mir schon seit
einigen Jahren durch den Kopf spukt. Plötzlich kommt dann alles zusammen.
Hatten Sie bei Ihren Büchern Mitspracherecht beim Cover?
Es ist so, daß ich die Umschlaggestaltung relativ früh sehe und erstmal
keinen Bedarf habe, da groß reinzuquatschen. Die Grafiker verstehen ihre
Arbeit sehr gut, ich verstehe davon sehr viel weniger. Ich schaue mir das an,
und wenn es mir gar nicht gefällt, dann sage ich es. Es ist mir bisher erst
einmal passiert, daß ein Buch in großer Hektik plötzlich erscheinen
mußte, ich den Umschlag vorher nicht gesehen habe und das Ding dann so grauenhaft
schlecht war, daß ich mich darüber sehr geärgert habe.
Was für Erfahrungen haben Sie beim Drehbuchschreiben gemacht?
Ich wollte immer Drehbücher schreiben. Ich habe immer viel Fernsehen geschaut,
bin viel ins Kino gegangen und habe gleichzeitig viel gelesen. Für mich gab
es also diese Kluft zwischen den Medien nicht. Wenn du für Kinder schreibst,
kannst du gleich auch fürs Kinderfernsehen schreiben, dachte ich mir. Da
sind die Honorare besser, da kannst du schnell auch vom Schreiben gut leben. Dann
habe ich erfahren, daß es in Köln eine Produktionsfirma gibt, die eine
tägliche Kindersendung für Premiere produziert. Ich bin da hingegangen
und habe gesagt, ich bin Autor, ob sie nicht noch Autoren suchen würden.
Ja, im Prinzip schon, haben sie gesagt. Schreib mal was und wir gucken dann. Dann
habe ich für diese Sendung geschrieben. Das war eine sehr merkwürdige
Erfahrung, der Umgang mit den Autoren ist nicht sehr persönlich, die Autoren
sollten halt ein Produkt liefern. Dann wurde immer herumgekrittelt, hier sei es
nicht witzig und da sei es nicht witzig, da sei es zwei Sekunden zu lang,. Aber
dabei lernt man auch was. So hat das mit Fernsehen angefangen. Später habe
ich Exposés geschrieben, mir Ideen ausgedacht und die angeboten. Das ist
das, was ich heute auch noch tue.
Was kann ein Autor nach der Veröffentlichung noch für sein Buch tun?
Er kann es an die Leute schicken, wenn die Presseabteilung es nicht macht, von
denen er denkt, daß sie etwas für das Buch tun können. Journalisten
zum Beispiel. Ich selbst mache jedes Jahr ein Mailing an Bibliotheks-Fachstellen,
um Lesungen zu vereinbaren. Darum muß ich mich selbst kümmern, weil
viele Verlage das so für die Autoren nicht selbst organisieren, aber Kinderbuchautoren
sehr viele mehr Lesungen machen als die sogenannten Erwachsenenautoren, die hohere
Literatur schreiben.
Man kann für sein Buch trommeln, Leute ansprechen. Ich habe mal frech und
sehr, sehr mutig vor der Buchmesse Sender angeschrieben und sie gefragt, ob sie
gerne zur Buchmesse einen Beitrag über Kinderbuchautoren machen würden,
ich hätte auch zufällig ein neues Buch. Meine Absicht war also offensichtlich.
Daraufhin meldete sich auch eine Redaktion, die so eine Kinder-Nachrichtensendung
macht, und meinte: Machen Sie für uns einen Beitrag, in dem Sie für
Kinder vorstellen: Was ist die Buchmesse?
Was für Erfahrungen haben Sie mit Lesungen gemacht?
Gute. In den meisten Fällen sind die Schüler vorbereitet. Der Autor
wurde angekündigt, in vielen Fällen ist das Buch vorher auch mal gelesen
worden, allerdings nicht in allen, und die Schüler sind sehr interessiert.
Eine tolle Erfahrung ist, daß Lehrer ihre Schüler oft völlig falsch
einschätzen und zum Autor meinen, „Oh, die sind ganz unaufmerksam,
die haben noch nie mit Lesungen gehabt, und das sind Fernsehkinder“. Die
Jugendlichen sitzen nachher mit offenem Mund da und hören zu. Ich hatte schon
Lesenächste hier in Hamburg, das ging die ganze Nacht, und die halten durch,
die sich wirklich gefesselt. Jeder bekommt gerne vorgelesen und Geschichten erzählt.
Was sollte ein Autor bei einer Lesung beachten?
Ganz wichtig ist es, gut vorzulesen. Ich habe mir von meinem Co-Autor mal zeigen
lassen, wie man mit Brustresonanz liest, um nicht heiser zu werden. Dann ist es
auch lauter, ohne daß man seine ganze Kraft braucht. Bei hundert Lesungen
im Jahr ist das sehr wichtig. Wenn man schüchtern ist und eine leise Stimme
hat, aber unbedingt Lesungen machen will, weil das eben Honorar bringt, dann sollte
man ruhig mal zu einem Stimmtrainer gehen, vielleicht einem Schauspielschüler,
der wenig Geld dafür nimmt, und ihm seine Tricks abgucken. Das ist das allerentscheidenste
bei Lesungen, weil die Schüler auch darauf anspringen, wie man die Geschichten
präsentiert, und wenn dann ein Autor hinter einem dicken Schreibtisch sitzt
und kein einziges Mal hochschaut und leise nuschelt, vielleicht auch noch eine
sehr schwierige problematische Geschichte liest, dann schalten sie alle ab, dann
wird sich keiner dafür interessieren. Wenn man das ein bißchen lebendiger
macht, dann geht das auch. Man sollte die Schüler nicht unterschätzen,
die interessieren sich für viel mehr, als man denkt.
Gibt es etwas, was ein Autor beim Schreiben beachten sollte?
Es gibt dramaturgische Regeln, die seit Tausenden von Jahren gelten, schon seit
Aristoteles. Man kann sie ignorieren, aber man wird merken, daß es dann
nicht so gut wird. Wenn ich das Gewehr, das ich gezeigt habe, nicht schießen
lasse, entsteht Frustration. Wenn ich das erzeugen will, kann es gut sein, aber
ich muß auch wissen, ob ich die richtige Frustration erzeuge und nicht eine,
die auf mein Werk zurückschlägt.
Oder was Stanislawski gesagt hat: Das Leben ist ein Kampf, der Kampf ist die Handlung,
ohne Handlung kein Leben. Das ist richtig, der Konflikt ist die Handlung. Ich
kann auch einen Schauspieler zeigen, der einfach nur dasitzt, aber dann muß
ein innerer Konflikt da sein, damit es spannend ist, daß er einfach nur
dasitzt. Dann muß ich erwarten, daß er sich jetzt überlegt, stehe
ich jetzt auf und erschieße ihn oder bleibe ich hier sitzen und warte, bis
er mich erschießt. Sowas könnte es sein, das wäre auch ein Kampf.
Kommt es oft vor, daß Leute, die schreiben, sich an Sie wenden?
Hin und wieder. Das läuft häufig über Freunde und Bekannte, die
wissen, daß ich schreibe: Frau Sowieso hat eine Freundin oder eine Nachbarin,
die schreibt, und dann erinnert sich Frau Sowieso, oh, da habe ich doch einen
Bekannten eines Sohnes eines Freundes, der schreibt auch, der ist Schriftsteller,
ruf den doch mal an. Irgendwann hatte ich mal ein kleines Fernsehinterview, und
danach haben einige angerufen und haben gefragt, ob sie vorbeikommen könnten.
Man merkt schnell, daß diese Leute oft aus Selbsterfahrung schreiben, es
geht ihnen eigentlich nicht ums Erzählen. Aber vielleicht ist ja wirklich
einer dabei, der wirklich nicht weiß und sich nicht traut. Dann wäre
es ja sehr schade, wenn man so einem Menschen nicht helfen könnte. Ihm ein
bißchen Mut machen könnte, ihm sagen „Probiere es einfach, es
tut nicht weh.“ Ich wäre auch an dem ein oder anderen Punkt dankbar
gewesen, wenn ich so eine Gelegenheit gehabt hätte, ich kannte einfach niemanden.
Außerdem ist es manchmal ganz gut, Leute zu desillusionieren. Manchmal,
und nicht zu selten, sind es Lehrer, die mit sehr pädagogischen Geschichten
kommen. Ich sage, dann müssen Sie ein Sachbuch schreiben, einen Ratgeber
für junge Lehrer. Aber machen Sie das nicht als Erzählung. Das ist langweilig.
Sie müssen gute Geschichten erzählen, und die müssen bestimmten
literarischen Kriterien genügen. Überlegen Sie sich genau, was Sie wollen,
und ersparen Sie sich da Enttäuschungen und Hoffnungen. Wenn Leute kommen,
die Lyrik schreiben, dann sage ich denen, Ihre Gedichte mögen ja schön
sein, ich kann das nicht beurteilen, weil ich davon sehr wenig bestehe und mich
auch meistens raushalte. Aber es ist saumäßig schwer mit Lyrik. Gehen
Sie zum nächsten Literaturbüro und es gibt genug Literaturtelefone,
dann haben Sie eine gute Chance. Meist muß man seine Gedichte im Selbstverlag
herausgeben, weil sonst niemand Lyrik druckt außer kleine Verlage mit Auflagen
von 200 Stück. Aber mehr gibt es selten, damit erreicht man kein Publikum.
Das meine ich mit Desillusionieren. Das finde ich sehr wichtig, daß
man da keine großen Erwartungen weckt.
Herr Giordano, danke für das Interview! |