Interviews:
Jürgen von Scheidt
Der Münchner Psychologe Jürgen vom Scheidt hat sich als Schreibpädagoge
und als Autor (ca. 40 Veröffentlichungen bisher, viele leider vergriffen)
einen Namen gemacht. Auch als Lektor bei Zeitschriften und in einem Verlag arbeitete
er. Seit 1978 leitet er gemeinsam mit seiner Frau Ruth Zenhäusern Kreativ-Schreiben-Kurse
mit Schwerpunkt auf Selbsterfahrung (Institut für Angewandte Kreativitätspsychologie,
München).
Was würden Sie jemandem empfehlen, der sich für einen Kurs im Kreativen
Schreiben interessiert?
Ich würde empfehlen, erst einmal einen Schnupperkurs oder eine kleine Schreibwerkstatt
zu machen, um zu sehen, ob einem das überhaupt liegt, mit anderen zusammen
zu schreiben und in der Gruppe zu arbeiten. Erstmal nicht länger als ein
Wochenende. Es kann schon gewöhnungsbedürftig sein: Man zeigt sich,
wird hinterfragt - durch Texte, durch Äußerungen.
Haben manche Probleme, mit der Kritik umzugehen?
Mir geht es nicht darum zu korrigieren, sondern darum, daß die Leute in
Schwung kommen, kreativ werden, indem sie wechselseitig Texte bearbeiten. Es ist
keine Literaturkritik, sondern ein Austausch, ganz spontanes Feedback. Ein neuer
Text ist wie ein neugeborenes Kind, das kann man nicht gleich mit Schulnoten traktieren.
Ein Neugeborenes ist immer das schönste, sympathischste und klügste
Kind. Wenn es ein paar Wochen alt ist, kann man schon mal kritischer werden: Dieses
Kleine schreit ja nur rum, es hat Blähungen und eigentlich ist es ziemlich
häßlich.
Wenn es durch die Kritik zu Antipathien in der Gruppe kommt, hat der Leiter die
wichtige Funktion auszugleichen. Er sorgt dafür, dass die Gruppe arbeitsfähig
bleibt. Das heißt, daß jeder ein bißchen zurückstecken
muß. Wenn einer sehr gute Texte schreibt und brilliert dann und die anderen
sitzen nur daneben, dann muss man die anderen ermuntern und den einen etwas bremsen.
Wem würden Sie davon abraten, in einer Schreibgruppe mitzumachen?
Leuten, die psychisch sehr labil sind und für die das Schreiben ein Rettungsanker
ist. In einer Gruppe sind sie meist völlig überfordert. Das kommt jedoch
selten vor - ich habe es in zwanzig Jahren erst zweimal erlebt, daß Leute
wirklich ausgeklinkt sind. Eine Frau hat einen Schub gekriegt und musste in die
Klinik.
Man muss als Leiter beachten, dass es Übungen gibt, die man sehr vorsichtig
anwenden sollte. Bei einer Gruppe, die sich nur am Wochenende trifft, würde
ich nie mit Träumen arbeiten, es sei denn, es ist ein Traumseminar. Da kommt
vieles hoch. Zudem sollte man als Gruppenleiter eine gescheite Ausbildung haben
und Kriseninterventionstechniken beherrschen. Sie gelten als Spezialist für
den Umgang mit Schreibblockaden.
Was empfehlen Sie, wenn einen wirklich die Angst vor dem leeren Blatt gepackt
hat?
Ich habe therapeutisch gearbeitet und dabei sehr viel mit Blockaden zu tun gehabt.
Schreibblockaden sind etwas ganz Normales, und wenn man das weiß, kann man
auch sinnvoll damit umgehen. Die Blockade kommt oft dann, wenn man etwas an Stil
oder Thema verändert und mit dem Neuen noch nicht umgehen kann. Man merkt
nur, das alte funktioniert nicht mehr und langweilt einen, man muß etwas
Neues machen, weiß aber noch nicht wie. Dann kommt eine Blockade. Es kann
sein dass jemand, der immer nur Sachbücher geschrieben hat, einfach einen
Roman schreiben muss.
Was für Texte entstehen bei den Seminaren, die Sie leiten?
Viel Rohstoff. Etüden sozusagen. Das ist wie beim Klavierspielen: Ein Pianist
macht seine Übungen, spielt Stücke und improvisiert, und dann gibt er
ab und zu ein Konzert und spielt eine CD ein. Aber Etüden sind nur Schritte
auf dem Weg.
Haben manche Ihre Schüler inzwischen etwas veröffentlicht?
Eine Frau veröffentlicht schon den vierten Krimi, den ersten hat sie hier
angefangen. Das wusste sie damals gar nicht, es war ja auch ein Kurzgeschichtenseminar,
aber damals sind Teile dieses Textes entstanden. Aber die meisten Leute, die in
unsere Seminare kommen, wollen für sich schreiben und möchten oft gar
nichts veröffentlichen. Sie wollen den Kontakt, den Austausch, die Anleitung,
sie wollen eine Struktur. Nicht selten sind es Leute, die nach der Pensionierung
anfangen zu schreiben, weil sie feststellen, dass sie viel erlebt, aber es nicht
verdaut haben. Oder die schreckliche Sachen erlebt haben und das mal aufschreiben
müssen. Oder die eine Familienchronik schreiben möchten. Aber sie wissen
alle nicht, wie man es macht.
Was empfehlen Sie denen, die ihr Manuskript dann doch anbieten wollen?
Ich sage immer: "Sucht euch einen Agenten. Ihr wollt schließlich Bücher
schreiben, ihr wollt sie doch nicht verkaufen müssen."
Sollte man es lieber erst bei einem großen Verlag zu probieren oder versuchen,
bei einem kleineren unterzukommen?
Wenn man beim Großen reinkommt, sollte man das machen. Aber man muß
sich darüber im klaren sein, daß man nicht besser behandelt wird als
bei einem kleinen Verlag. Wenn´s nicht läuft, das war´s dann.
Die Leute werden nicht gepflegt, nicht aufgebaut. Aber kleine Verlage haben kein
Kapital - die großen dagegen unglaublich viel. Ich habe immer das Bedürfnis
gehabt, bei einem Verlag zu bleiben. Gewechselt habe ich immer dann, wenn ich
gemerkt habe, daß ich einen schlechten Vertrag hatte.
Ihr Tipp für die Vertragsverhandlung?
Bescheiden sein. Es ist eine große Chance, und man zahlt viel Lehrgeld.
Das zweite Buch ist übrigens sehr viel schwieriger, wenn das erste ein Erfolg
war. Dann steht man unter Druck. Beim zweiten Buch läuft es etwa so ab: Ich
hab zwar etwas gelernt, aber ich kann nicht nochmal dasselbe schreiben, brauche
ein neues Thema. Ich werde wahrscheinlich sorgfältiger arbeiten, weil ich
professioneller bin. Beim ersten Buch sind die Rezensionen wohlmeinend, aber danach
ist ein Anspruch da, an dem alle weiteren Bücher gemessen werden. Also kommt
die Blockade. Die ist ganz normal, weil ich eine schwierige Entscheidung treffen
muss: Kann ich es schaffen, Berufsautor zu werden? Aber das ist sehr schwer durchzuziehen.
Oder mache ich es nebenbei? Dann muß ich sehr diszipliniert sein und muß
jeden Tag schreiben. Ich weiß, wovon ich rede, ich habe es immer neben meiner
therapeutischen Arbeit gemacht. Das ist sehr schwer, weil es völlig verschiedene
Bewußtseinszustände sind, am Schreibtisch zu sitzen oder mit anderen
ein Gespräch zu führen. So sind die Schreibseminare entstanden, weil
ich gemerkt habe, daß sich das gut kombinieren läßt. Aber wenn
es darum geht, aus dem Rohtext wirklich eine Geschichte zu machen, ist das wieder
etwas anderes. Dann hockt man nämlich wieder allein da.
Wann haben Sie selbst angefangen zu Schreiben?
Mein erstes Buch - einen Science-fiction-Roman - habe ich mit 17 Jahren geschrieben,
veröffentlicht wurde es ein Jahr später. Es hat sehr viel Spaß
gemacht, ich habe einfach drauflosgeschrieben. Ich habe mich nicht als Science-fiction-Autor
gesehen, ich wollte einfach ein Buch veröffentlichen, ich wollte ein Autor
sein. Das fand ich sehr erstrebenswert. War für Sie schon damals der Austausch
mit anderen Schreibenden wichtig?
Und ermutigen Sie heute Ihre Schüler dazu, sich auch außerhalb der
Seminare zu treffen?
Es ist natürlich eine schöne Anregung, wenn man mit Leuten zu tun hat,
die schreiben. Man gibt ihnen etwas und bekommt selbst viel Ermutigung weiterzumachen,
das ist sehr wichtig. Damals hatte ich einen Bekannten aus dem SF-Club, der hat
sich sehr kritisch Texte von mir angeguckt und mir Tips gegeben hat. Dadurch habe
ich etwas gelernt. Ich gebe meinen Teilnehmern den Rat: Tauscht Adressen aus!
Ich weiß, dass aus den Seminaren ein paar Gruppen entstanden sind, die sich
regelmäßig treffen. Das ist eine tolle Sache.
Haben Sie jetzt neben Ihren Kursen überhaupt noch Zeit zum Schreiben?
Ich habe wahnsinnig viel geschrieben in den letzten Jahren, aber nichts davon
veröffentlicht, weil ich nicht zum Überarbeiten komme. Dass ich so viel
geschrieben habe, liegt daran, dass ich in den Seminaren immer mitschreibe. Es
ist mein Credo, daß die Seminarleiter immer mitschreiben sollen - das ist
viel besser fürs Klima. Entdeckt habe ich das gemeinsame Schreiben schon
früh: Als Schüler habe ich bei einem Science-Fiction-Fanmagazin mitgemacht,
wir hatten einmal im Monat Redaktionssitzung. Es war so eine Art Schreibwerkstatt:
Wir haben zusammen Geschichten geschrieben, gelesen und diskutiert. Irgendwann
haben wir mitgekriegt, daß Science-Fiction-Autoren in Amerika schon seit
den vierziger Jahren Writer´s Workshops haben, bei denen die Fans kommen
und selber Geschichten schreiben. In Deutschland verbreitet sich das jetzt auch,
im Bereich Kreatives Schreiben ist einiges im Entstehen. Aber das wird noch dauern,
weil kein Geld dafür da ist und es wenige Leute in Deutschland gibt, die
es ernsthaft machen.
Ist es auch ein Erbe des Geniekults, dass Kreatives Schreiben in Deutschland
immer noch weit weniger verbreitet als in den USA?
Ja, es hat sehr viel mit diesem Dünkel zu tun, dass man Schreiben nicht lehren
kann. Sogar viele Journalisten glauben das. Dabei ist Schreiben zu 80-90 % Handwerk,
schlichtweg Arbeit. Ich muss wissen, wie man einen Text auflockert, wie man recherchiert,
wie man ein Archiv benutzt und so weiter. Das kann man alles nicht in der Schule
lernen. Es ist kein Geheimnis, daß 90 % aller Bücher von guten Handwerkern
geschrieben werden, die regelmäßig und zuverlässig akzeptable
Manuskripte liefern. Keine Superbücher, aber lesbar. Die paar Genies verkraftet
der Verlag dann auch noch.
Herr vom Scheidt, danke für das Interview! |