Metaphern nach Maß

Sylvia Englert

Härter als nötig ließ Robert den Füllfederhalter auf seinen Schreibtisch fallen. Seit drei Wochen ging es mit seinem Roman nicht mehr voran. Sein Auto musste mal wieder in die Werkstatt, seine Freundin hatte schon seit drei Tagen nicht mehr angerufen, und jetzt fiel ihm noch nicht einmal etwas ein. Das war wirklich zuviel!
Es war mal wieder Zeit, Jacob Adler zu besuchen. Ein anderer Schriftsteller mit Verständnis für seine Probleme würde ihn am schnellsten wieder auf die Spur bringen. Er nahm seine Jacke, wickelte sich den Schal um den Hals und stapfte die Treppen hinunter.
Adler wohnte in einem heruntergekommenen Gründerzeithaus; dort lebte und schrieb er in Gesellschaft eines halben Dutzend ausgestopfter Tiere und ebenso vieler ausgefranster Perserteppiche. Die von ihm geschriebenen Bücher nahmen ein ganzes Regalbrett ein, und jedesmal, wenn er bei Jacob Adler zu Besuch war, musterte Robert die vielen Bände mit einem Anflug von Neid.
Adler begrüßte Robert herzlich. Er trug wie immer sein altes Kordsakko. „Hallo, junger Freund! Wenn ich gewußt hätte, dass du kommst, hätte ich den Kamin angeheizt. Ist es immer noch so kalt draußen?“
Seufzend ließ sich Robert in einen der Sessel sinken. „Gräßlich. Und ich sitze schon seit Tagen daheim und schlage mich mit einer üblen Schreibblockade herum. Glaub mir, Jacob, das ist der Horror.“
Adler lachte. „Das passiert auch den besten von uns…“
„Danke für das Beileid“, grunzte Robert.
„Aber im Ernst, ich weiß genau das richtige für dich“, sagte Jacob und zögerte. „Es ist so eine Art Geheimtipp. Ich wollte es dir eigentlich noch nicht zeigen, aber vielleicht brauchst du es jetzt…“
Langsam wurde Robert neugierig. „Ich wußte gar nicht, dass du Geheimnisse vor mir hast. Was ist denn das für ein seltsamer Tipp?“
Adler tätschelte abwesend den Kopf eines ausgestopften Fuchses. „Das kann man nicht erklären. Aber ich werde es dir zeigen. Komm mit!“
„Was, raus in die Kälte?“ protestierte Robert, doch dann siegte die Neugier, und er folgte seinem alten Freund.
Sie gingen durch die kleinen Gäßchen in der Innenstadt, und Jacob folgte so verschlungenen Wegen, dass Robert schon bald die Orientierung verlor. Gut eine halbe Stunde gingen sie – dann standen sie plötzlich vor einem großen Gebäude, dessen Eingang von Säulen verziert waren. Ein goldenes Motto in Latein über dem Eingang verkündete: LETTERA NON OLET.
„Was zum Teufel ist das?“ fragte Robert erstaunt.
„Das ist das erste und einzige Kaufhaus für Schriftsteller“, sagte Jacob Adler ernst. „Wir haben Glück, dass es gerade in unserer Stadt ist, auch wenn sie ein wenig Versandhandel betreiben. Komm, gehen wir rein.“
„Aber ein… wie, ein Kaufhaus… woher…“
Jacob Adler lachte und führte ihn durch den Säuleneingang und hinein ins warme Innere. Drinnen sah es aus wie in jedem anderen guten Kaufhaus – jedenfalls auf den ersten Blick. Dann sah sich Robert genauer an, was da eigentlich angeboten wurde, und ihm blieb der Mund offen stehen.
Dort vorne verhieß ein Schild „Spannungsbögen“, daneben wurden Designerplotelemente präsentiert. Ein paar Meter weiter gab es Vorworte, und zwar sogar im Dutzend billiger.
„Ja, aber…“, sagte Robert. „Wieso kann man hier sowas kaufen?“
„Weil wir hier in der Abteilung Handlung sind“, erklärte Adler trocken.
Robert sah sich um, und langsam begriff er. Er stieß einen Jubelschrei aus, der ein paar Verkäuferinnen aufschreckte, und griff sich einen Einkaufskorb. „Himmelarschundzwirn, hier gibt es alles, was ich für meinen Roman brauche! Jacob, das war eine wirklich gute Tat von dir, mir das hier zu zeigen…“
Doch Adler schien seine Begeisterung nicht zu teilen. „Vielleicht. Jedenfalls muß ich dich warnen – kauf nicht zuviel…“
Doch Robert hörte ihm schon nicht mehr zu. Er hatte einen Wühltisch mit Romanfiguren entdeckt und machte sich sofort auf die Suche nach der neuen zweiten Hauptperson, die ihm noch fehlte. Als nächstes landete eine Schachtel Pointen in seinem Einkaufskorb. „Meinst du, ich soll noch ein paar Einleitungen dazu nehmen? Du weißt, dass mir die ersten Sätze immer besonders schwer fallen! Vielleicht kaufe ich ein paar auf Vorrat.“
„Robert…“
„Soll ich Ihnen die Einleitungen einpacken?“ fragte ihn die Verkäuferin. „Wir haben gerade ein paar hübsche Rahmenhandlungen da…“
„Nein, danke“, meinte Robert und wandte sich eifrig hinüber zum kleinen Stand des Reparatur- und Änderungsservice. „Ich könnte meine Handlung mal ordentlich überarbeiten lassen, der Plot hat ein paar Löcher.“
„Schreib das Ding lieber erstmal fertig, mein Junge…“
„Du hast recht, ich kann es ja immer noch herbringen, wenn ich fertig bin.“
Robert spähte neugierig in eine Vitrine, die verschiedene mythologische Stoffe, Symbole und Zitate in Gold enthielt. Doch schon nach wenigen Blicken wanderte er weiter – schließlich versuchte er, einen realistischen Roman zu schreiben.
„Ich habe das Kaufhaus vor zehn Jahren entdeckt, ein anderer Autor hat es mir gezeigt“, erzählte Adler, während sie zur Sprachabteilung im ersten Stock hochstiegen. „Zu Anfang war ich genauso begeistert wie du. Man muß zugeben, das Angebot ist wirklich toll.“
„Aber bei manchen Sachen frage ich mir, wer das kaufen soll“, meinte Robert und zeigte ihm eine Packung Schachtelsätze. „Sowas braucht doch kein Mensch. Und da hinten, o je: ´Klichees, leicht angestaubt, zum Sonderpreis!´“
„Es gibt immer wieder Anfänger, die auf solchen Ramsch reinfallen. Halt dich lieber an den Metaphernservice, da gibt es Qualität.“
Robert bestellte sich zwei Dutzend Metaphern. Verstohlen musterte er dabei den Verkäufer, einen hochgewachsenen, jungen Mann, dessen kurzes blondes Haar in einer Tolle über seine hohe Stirn fiel. „Äh, Jacob… was arbeiten hier eigentlich für Leute?“
„Meist Wort- und Satzkaufleute“, erklärte Adler. „Und auf der Führungsebene ein paar Diplom-Dichter, soweit ich weiß.“
„Der sah jedenfalls aus wie einer der Diplom-Dichter.“ Robert stellte fest, dass es in einem Regal sogar Titel gab, sowohl von der Stange als auch nach Maß und in Übergrößen. Na ja, im Moment war er mit seinem Romantitel noch ganz zufrieden. Aber vielleicht sollte er sich ein oder zwei Pseudonyme mitnehmen, wenn er schon mal hier war?
Schließlich hatten sie auch den letzten Winkel des Schriftstellerkaufhauses erkundet und machten sich auf den Weg zur Kasse. Robert hatte so viel ausgesucht, dass eine Tüte Ideen mit Frischegarantie immer wieder vom Stapel herunterzugleiten drohte. Erstaunt sah Robert, dass Jacob nur eine kleine Packung starke Verben in seinem Einkaufskorb hatte. „Das ist alles? Ist das dein Ernst?“
„Allerdings“, sagte Adler. „Du wirst schon noch sehen, warum.“
Jetzt erst wurde Robert bewußt, dass er etwas mehr auf die Preisschilder hätte achten sollen. Doch dafür war es ja noch nicht zu spät. Er zeigte Adler das Etikett auf seinem Paket Einleitungen. „Was bedeutet eigentlich dieses 1,2, Jacob?“
„Das steht für Prozent“, sagte Adler. „Und zwar Prozent von allen Einkünften, die du mit dem Roman jemals erzielen wirst.“
Erschrocken blickte Robert auf seinen randvollen Einkaufskorb. Wieviel das wohl zusammengezählt ergeben würde? „Na ja, solange ich nicht dem Teufel meine Seele verkaufen, irgendwo Verträge mit Blut unterschreiben soll oder sowas…“
Doch Jacob lachte nicht mit. „Das war der nächste Tipp, den ich dir geben wollte. Wenn sie behaupten, dass ihnen leider gerade die Tinte ausgegangen ist, dann biete ihnen einen von deinen Füllern an. Ich habe genug mitgebracht, mache ich immer, wenn ich hier einkaufen gehe.“ Er holte eine Handvoll Stifte aus seiner Jackentasche.
Flink klaubte die Kassiererin die Packungen aus Roberts Korb und tippte die Preise in eine große, altmodische Registrierkasse. Mit einem melodischen Klingeln sprang die Schublade auf; darin war ein Stapel Formulare. „Das macht 36,2 Prozent inklusive Erzählsteuer“, flötete die Kassiererin und schob ihm eins der Blätter hin.
Robert verzog das Gesicht. „Nicht grad billig. Aber ich finde trotzdem, es hat sich gelohnt…“
Er unterschrieb mit Jacobs Füller, und sie schlenderten auf die schneebedeckte Straße hinaus.
„Ißt du noch mit mir zu Abend?“ fragte Adler. „Ich habe noch ein paar Gänseschmalzbrote da…“
„Entschuldige, aber ich glaube, ich will mich lieber gleich an die Arbeit machen“, sagte Robert. Es juckte ihn in den Fingern, seine Einkäufe sofort an seinem Manuskript auszuprobieren. Doch dann kam ihm eine Idee. „Aber sag mal… wenn es so viele Zutaten zu kaufen gibt, warum eigentlich keinen ganzen Roman?“
Jacobs Gesicht war düster geworden. „Junge, du weißt nicht, was du tust!“
„Also gibt es so etwas“, bohrte Robert weiter. Es war ein köstliches Gefühl, sich vorzustellen, er könnte einmal einen richtigen Bestseller haben. Wie der erste Schluck eines Spitzenweines.
„Ja, es gibt ein oder zwei Spezialgeschäfte, in denen man sich Bestseller zusammenstellen lassen kann. Aber das solltest du auf keinen Fall machen.“
„Bestimmt nicht. Wo sind diese Geschäfte denn?“
Doch Adler hatte sich schon umgewandt und war losgegangen. Er wandte sich nur noch einmal kurz um. „Komm gut heim, mein Junge. Und verzeih mir, dass ich dir das Kaufhaus gezeigt habe. Ich dachte, es würde dir helfen.“
„Natürlich hat es mir geholfen!“ rief ihm Robert hinterher. „Vielen Dank…“
Doch Adlers schmale Gestalt war schon im Schneetreiben verschwunden.
Gedankenverloren blieb Robert auf der Straße stehen und blies Atemwolken in die Luft. Vor seinem inneren Auge sah er Schaufenster, in denen ganze Stapel seiner Bücher lagen. Sein Name groß über einer Anzeige, in der sein Roman angepriesen wurde. Hunderte von Menschen, die darauf warteten, bei einer seiner Lesungen dabei zu sein. Verleger, die lächelnd und respektvoll das Gespräch mit ihm suchten.
Robert kehrte um und ging zurück zwischen die Säulen. Wie er schon geahnt hatte, konnten ihm die Verkäuferinnen sofort Name und Straße eines der Spezialgeschäfte nennen. Eine Stunde später trat Robert mit klopfendem Herzen den Laden, den man ihm empfohlen hatte.
Er hatte eine dunkle Höhle voller Bücher und alter Gegenstände erwartet, halb Bibliothek, halb Trödelladen, doch das Geschäft wirkte wie eine kleine Bankfiliale. Eine lächelnde, modisch gekleidete Frau Anfang dreißig kam auf ihn zu. „Kann ich Ihnen helfen?“
Robert nahm vor ihrem Schreibtisch Platz. „Man hat mir gesagt, dass man, äh, sich hier ganze Bücher zusammenstellen lassen kann…“
„Aber sicher“, lächelte die Frau ihn an. „Aber ganz billig ist das nicht, wir verlangen einen finanziellen Anteil von 95 %. Und Sie gehen die Verpflichtung ein, Ihr Image nach unseren Weisungen gestalten zu lassen und sich jederzeit für Marketingmaßnahmen zur Verfügung zu stellen.“
Robert schluckte und sagte: „In Ordnung.“
„Gut, dann müssen Sie mir jetzt nur noch ihre genauen Wünsche an das Manuskript nennen…“

Drei Monate später, an einem regnerischen Frühlingsmorgen, klingelte es an Roberts Haustür. Als er öffnete, sah er, dass es Jacob Adler war. „Wollte einfach mal schauen, wie es dir geht“, sagte Adler, die Hände wie immer in den Taschen seiner Cordjacke vergraben. „Man hört ja gar nichts mehr von dir…“
„Äh… schön, dass du vorbeischaust“, sagte Robert.
Die Sprungfedern seines alten Sofas quietschten, als sich Adler darauf niederließ. Sie plauderten eine Weile und tranken Tee. Schließlich bemerkte Adler: „Hm, ich hätte gedacht, du wärst längst in eine feinere Gegend gezogen. Und der Tee ist immer noch von Aldi. Hat es nicht geklappt mit dem Bestseller?“
„Äh, woher weißt du, dass ich in einem der Spezialgeschäfte war?“
„Mein lieber Junge, das war doch wirklich offensichtlich.“
Robert lächelte schief. „Ich hätte es nicht tun sollen. Du hattest natürlich Recht. Der Roman ist zwar auf Platz der Spiegel-Bestsellerliste, aber ich habe überhaupt nichts davon.“
„Was ist passiert? Ist was mit der Vermarktung schiefgegangen?“
„Das kann man wohl sagen“, sagte Robert bitter. „Es fing mit der Handlung an. Ich sagte, was ich mir ungefähr vorstellte, und die Grundidee fanden sie auch gut, aber im endgültigen Entwurf hatten sie dann eine Liebesgeschichte inklusive saftiger Sex-Szenen dazugedichtet und ein halbes Dutzend ziemlich eklige Serienmorde – sie meinten, das müsste sein, damit es sich verkauft. Außerdem musste als Hauptfigur eine Singlefrau um die dreißig rein, die auf der Suche nach ihrem Traummann ist, damit sich auch die weibliche Zielgruppe das Buch kauft.“
„Hm“, sagte Jacob Adler und verzog das Gesicht.
„Als nächstes ging´s an mein Image“, erzählte Robert weiter. Es war ihm ein bisschen peinlich, all das beichten zu müssen. „Ich bekam eine Postfach-Adresse in Berlin verpasst, weil Lübeck nicht hip genug ist, und außerdem einen Dressman als Double, weil ich mit 38 für eine geglückte Vermarktung schon zu alt bin und nicht gut genug aussehe. Da musste ich schon schwer schlucken. Und als ich auch noch meinen Namen ändern sollte, weil Robert Tanner nicht interessant genug klingt, habe ich gestreikt. Ich meine, was bringt mir das, wenn ich einen Bestseller habe und keiner weiß, dass er von mir ist?“
Jacob Adler musste lächeln. „Er war ja auch nicht von dir.“
„Hm, ja. Jedenfalls haben sie mir die Zusammenarbeit aufgekündigt, weil ich meinen Teil der Abmachung nicht erfüllt habe. Ich hätte vor meinen Meckereien besser das Kleingedruckte lesen sollen – um die Vertragsstrafe zu bezahlen musste ich mein Auto verkaufen!“
„Dein Auto? O nein. Komm, Junge, ich lade dich jetzt zum Mittagessen ein, wir genehmigen uns einen schönen Rotwein, und dann denkst du einfach nicht mehr an die ganze Sache.“
Das klang gut. Aber dann sah Robert auf die Uhr. O je, schon fast elf. „Tut mir Leid“, sagte er, stand auf und nahm seine Jacke vom Haken. „Ich muss los.“
Jacob Adler blickte ihn verdutzt an. „Hast du einen neuen Job? Hast du mir gar nicht erzählt…“
„Ich habe die Mittagsschicht – als Lagerarbeiter im Schriftstellerkaufhaus“, gestand Robert verlegen. „Hab meinen eigenen, fertigen Roman nicht verkaufen können, deswegen muss ich meine Einkäufe abarbeiten. Mit etwas Glück bin ich nächsten Monat schuldenfrei.“
„O je, das ist ja noch eine Weile hin“, fragte Adler erschrocken. „Was zahlen sie dir denn?“
„Leider nur drei Metaphern pro Stunde“, sagte Robert, seufzte und machte sich auf den Weg.

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3 Antworten auf Metaphern nach Maß

  1. Eine witzige Geschichte, die uns wohl sagen soll, was unsere Eltern uns schon immer mit auf den Lebensweg gaben: Ohne Fleiß keinen Preis. Und was gratis ist, ist eben auch nichts.
    Witzige Idee auf jeden Fall. Hat mir gefallen und mich zum Nachdenken gebracht.
    LG
    Caren Anne Poe

  2. Liebe Frau Englert,

    mir hat ihre Geschichte sehr gut gefallen und es ist wohl besser, seine Schreibambitionen dem Talent entsprechend zu gestalten. Wer zu hoch hinaus will, kann sehr tief fallen. Herzlichen Dank für ihren kreativen Denkanstoß.

    Mit lieben Grüßen
    Alfred Stadlmann

    • Sylvia sagt:

      Hallo Herr Stadlmann,
      freut mich sehr, dass Ihnen meine Geschichte gefallen hat, und ich hoffe, die Denkanstöße haben inzwischen ein paar Geschichten hervorgebracht!
      Viele Grüße,
      Sylvia Englert

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