Frei erzählen und Geschichten erfinden

Geschichtenerfinder-Werkstatt

Vorlesen ist wichtig, Vorlesen ist schön – aber der Faszination einer frei erzählten Geschichte kann sich kaum ein Kind entziehen. Unser Buch soll Lust aufs freie Erzählen machen und es einüben helfen. Doch Märchen und Geschichten zu erzählen, die es schon gibt, ist nur der halbe Spaß. Im zweiten Schritt geht es darum, die Kinder einzubinden und mit ihnen zusammen eigene Geschichten zu erfinden (die weiterzählt, nachgespielt, als Theaterstück aufgeführt, gemalt werden können…). Anlässe für das Erzählen und gemeinsame Erfinden gibt es reichlich: Ein Kind, das krank im Bett liegt, eine Geburtstagsparty, ein Regentag…

Herzstück des Buches ist der einfach anzuwendende „Geschichtenbaukasten“, ein von Helga Gruschka aus der Erzählpraxis entwickeltes Werkzeug. Die Leserinnen finden ihn als Vorlage zum Heraustrennen + Bastelanleitung im Buch. Viele Fallbeispiele aus Helga Gruschkas Erzählpraxis lassen die Spiel- und Veranstaltungsideen rund um den Geschichtenbaukasten lebendig werden.

Helga Gruschka, Sylvia Englert
Geschichtenerfinder-Werkstatt
Mit Kindern freies Erzählen üben
Don Bosco Verlag, München 2008
144 Seiten, 18,95 Euro
ISBN 978-3-7698-1662-4


Inhaltsverzeichnis: Geschichtenerfinder-Werkstatt

Vorwort
Einleitung

Kapitel 1 – Frei Erzählen lernen

* Den Einstieg finden
* Was für Textvorlagen eignen sich
* Vom Text zum freien Erzählen
* Hilfsmittel und Möglichkeiten
* Wie erzählt man packend und anschaulich?
* Seine Sprache finden

Kapitel 2 – Vor Zuhörern

* Die richtige Atmosphäre schaffen
* Lockerungs- und Atemübungen mit den Kindern
* Mit dem Lampenfieber umgehen
* Ins kalte Wasser: Erzählen vor Publikum
* Vorbereiten der Zuhörer
* Tipps und Tricks um die Aufmerksamkeit der Kinder zu halten
* Am Ende den Gegenwartsbezug herstellen
* Zum Denken anregen

Kapitel 3 – Gemeinsam Geschichten erfinden

* Wie es dazu kam
* Struktur von Märchen und Geschichten
* Mein Geschichtenbaukasten
* Meine ersten Erfahrungen
* Zum Mitmachen motivieren
* „Hilfe, mir fällt nichts ein!“
* Geschichten entwickeln in verschiedenen Situationen
* Lernen über Gefühle zu sprechen

Kapitel 4 – Mach mehr daraus

* Die eigene Geschichte
* Mit Mind Maps kurze Geschichten zu langen ausbauen
* Frisch entwickelte Geschichten ins Repertoireaufnehmen
* Bilder zu Geschichten malen
* Ein Bilderbuch basteln
* Aus einer Geschichte ein Theaterstück machen
* Geschichten zum Hören

Kapitel 5 – Vorschläge und Tipps für verschiedene Anlässe

* Die Gutenachtgeschichte
* An einem Regentag
* Wenn das Kind krank ist
* Auf dem Kindergeburtstag
* Eine Gruppe beschäftigen
* Einladung zum Erzählcafé
* Am Wochenende oder im Urlaub
* Ein Geschichtenfest
* Geschichtengutscheine
* Geschichten zur Sprachförderung

Anhang
Danksagung


Leseprobe: Geschichtenerfinder-Werkstatt

Auszug aus dem Abschnitt
“Zum Mitmachen motivieren”

Bei Erzählbesuchen, vor allem in den Kinderkrankenhäusern, habe ich meinen Geschichtenbaukasten immer dabei. Manchmal sind die Kinder schon vorbereitet, die Heilpädagogin hat ihnen von mir und meinem Tun erzählt, vielleicht schon eine im Krankenhaus entstandene Geschichte gezeigt. Im Newsletter einer Elternvereinigung sind ein paar Geschichten gedruckt worden. Oft aber heißt es einfach: „Der X oder dem Y geht es heute gar nicht gut, Helga, schau halt mal, was du machen kannst.“

So war es auch bei Alessia. Ein Mädchen, acht Jahre alt, lag matt im Bett. Aber die Augen schauten neugierig aus einem blassen Gesicht. Ich stellte mich vor, erzählte, was ich tue und wer ich bin, Geschichtenerzählen und Geschichtenbaumeisterin.
Also, eine Geschichte erzählt bekommen? Nicken. Nach der üblichen Frage, ein Märchen, eine Fantsiegeschichte oder eine autobiografische Geschichte? erzählte ich zuerst eine autobiografische Geschichte. Kurze Unterhaltung über die damalige Zeit, dann meine Frage: „Soll ich dir noch eine Geschichte erzählen, die ein Kind erfunden hat?“ Wieder Nicken. Jetzt erzählte ich die Geschichte vom Blumenmädchen. Anschließend unterhielten wir uns über Blumen, Garten und Pflanzen.
„Wer hat die Geschichte erfunden?“ fragte Alessia, sie wollte mehr über die Autorin erfahren und fügte hinzu, sie wohne auch in einem Haus mit Garten.

Auf meine Frage, ob sie denn nun auch versuchen wollte, mit mir zusammen eine Geschichte zu erfinden, noch Ausflüchte: „Ich kann das nicht!“
So, wie sie es sagte, klang es aber für mich nicht überzeugend. Also wollte ich es weiter versuchen. Doch wie?
Auf dem Tisch stand eine Schale voller duftender Erdbeeren. Sogleich dachte ich daran, dass es in meinem Geschichtenbaukasten ein Kärtchen mit der Ortsbezeichnung „Erdbeerinsel“ gab – wenn ich das Gespräch auf Erdbeeren brachte, konnte ich vielleicht eine Überleitung finden. Ich fragte, ob Alessia gerne Erbeeren aß. Ja, sagte sie und wir sprachen über Farbe, Form, Geschmack und Duft der Erdbeeren. Ganz von selbst redeten wir über Erdbeerkuchen, Muttertag und Kinderfeste im Garten.

Während des Gesprächs legte ich schon, so ganz nebenbei, einen Geschichtenplan zurecht, öffnete meinen Geschichtenbaukasten und suchte nach dem Kärtchen „Erdbeerinsel“. Alessias Augen folgten allen Bewegungen meiner Hände.
Und dann fragte ich sie, ob wir eine Erbeergeschichte machen wollten.
„Wir können es ja probieren“, sagte Alessia.
„Bist du einverstanden, wenn wir unsere Geschichte auf einer Erdbeerinsel beginnen lassen?“ fragte ich. Zustimmung.
Nun erklärte ich die Funktion des Geschichtenbaukastens, gab Alessia den Streifen mit den Doppelklebestückchen in die Hand, rückte den Nachttisch für mich zum Schreiben zurecht und legte den Geschichtenplan Alessia auf die Bettdecke.
Also: „Es war einmal eine Erdbeerinsel…..,“ Alessia klebte das grüne Kärtchen „Erdbeerinsel“ auf den Plan.
„Was sah, hörte, roch und fühlte man dort?“ Ich notierte, zwischen grünen Bäumen wuchsen viele Erdbeeren, es duftete, man hörte einen Bach rauschen und Vögel zwitschern.
„Wer war auf der Insel, wer soll der Held, die Hauptfigur unserer Geschichte sein?“
Alessia ließ sich drei Optionen aus meinem Geschichtenbaukasten vorlesen, entschied dann aber, Lotta und Lara, beide acht Jahre alt, sollten unsere Geschichte erleben. Also beschriftete ich ein leeres rotes Kärtchen mit „Lotta und Lara“, Alessia klebte es auf den Plan.
Lotta und Lara wollten zum Muttertag gemischten Obstkuchen backen und beschlossen deshalb, auf einer anderen Insel auch noch andere Früchte zu besorgen. Als sie sich für ihre Reise ausrüsten wollten, kamen sie zu einem absonderlichen Strandkiosk, der ganz von Spinnweben verhangen war. Sie fanden dort ein Paket mit Stillstehschokolade und einen fliegenden Teppich. Den Fuchs, der sie nicht fliegen lassen wollte, besiegten sie mit der Stillstehschokolade und flogen los. Nach kurzer Zwischenlandung auf dem Schokoladenstern dann die Landung auf der Pfirsichinsel.
Zum Muttertag gab es Erdbeer-Pfirsich– Schokoladenkuchen.

Die Geschichte sollte „Die Fruchtreise“ heißen, wir erzählten sie mit Hilfe des Plans im Zusammenhang.
Alessia war jetzt froh mitgemacht zu haben, sie freute sich über ihre „eigene Geschichte“ und wollte sie ihrer Mutter erzählen und zum Muttertag schenken.

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